Was ist Diabetes Typ 2?
Diabetes Typ 2 ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper das Hormon Insulin nicht mehr richtig nutzen kann und dadurch der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist. Sie ist die mit Abstand häufigste Form von Diabetes und betrifft weltweit über 500 Millionen Menschen. Im Kontext von Longevity ist Diabetes Typ 2 besonders bedeutsam: Die Erkrankung beschleunigt Alterungsprozesse, schädigt langfristig Blutgefäße, Nerven und Organe und verkürzt sowohl die Lebensspanne als auch die gesunde Lebensspanne (Healthspan) erheblich. Die ermutigende Botschaft: Durch Lebensstilveränderungen lässt sich Diabetes Typ 2 in vielen Fällen vorbeugen – und unter bestimmten Bedingungen sogar zurückdrängen.
Definition
Diabetes Typ 2 ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der die Körperzellen zunehmend schlechter auf Insulin ansprechen (Insulinresistenz) und die Bauchspeicheldrüse den steigenden Bedarf an Insulin langfristig nicht mehr ausgleichen kann, was zu dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten führt.
Key Facts
- Rund 96 % aller Diabetesfälle weltweit entfallen auf Typ 2. Laut der Global Burden of Disease Study 2021 lebten 2021 etwa 529 Millionen Menschen mit Diabetes – bis 2050 könnte sich diese Zahl auf über 1,3 Milliarden verdoppeln.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind für etwa 75 % aller diabetesbedingten Todesfälle verantwortlich. Menschen mit Typ-2-Diabetes haben im Durchschnitt eine verkürzte Lebenserwartung.
- Übergewicht (insbesondere viszerales Fett) ist der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor: Mehr als die Hälfte der weltweiten Krankheitslast durch Typ-2-Diabetes ist auf einen hohen BMI zurückzuführen.
- Diabetes Typ 2 ist keine Einbahnstraße: Studien zeigen, dass intensive Lebensstilmaßnahmen und Gewichtsabnahme bei einem Teil der Betroffenen eine Remission (Rückkehr zu normalen Blutzuckerwerten ohne Medikamente) ermöglichen können.
- Bewegungsmangel ist ein eigenständiger Risikofaktor: Die GBD-Studie schätzt, dass geringe körperliche Aktivität allein 2021 weltweit zu rund 149.000 Todesfällen durch Typ-2-Diabetes beigetragen hat.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Was passiert im Körper bei Diabetes Typ 2?
Im gesunden Körper sorgt das Hormon Insulin dafür, dass Zucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen gelangt, wo er als Energie genutzt wird. Bei Diabetes Typ 2 gerät dieses System aus dem Gleichgewicht – und zwar auf zwei Ebenen:
- Erstens reagieren die Körperzellen – vor allem in Muskeln, Leber und Fettgewebe – immer schlechter auf Insulin. Dieser Zustand wird als Insulinresistenz bezeichnet. Der Körper braucht dann immer mehr Insulin, um den Blutzucker zu regulieren.
- Zweitens erschöpft sich mit der Zeit die Bauchspeicheldrüse: Die insulinproduzierenden Betazellen können den erhöhten Bedarf nicht mehr decken, ihre Funktion lässt nach. Das Ergebnis ist ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel, der langfristig Blutgefäße, Nerven und Organe schädigt.
Risikofaktoren: Was begünstigt die Erkrankung?
Die Entstehung von Diabetes Typ 2 ist ein Zusammenspiel aus Veranlagung und Lebensstil. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören:
- Übergewicht (besonders Bauchfett, also viszerales Fett),
- Bewegungsmangel,
- unausgewogene Ernährung,
- Alter, familiäre Vorbelastung und
- bestimmte ethnische Zugehörigkeiten.
Rund 90 % der Menschen, die an Typ-2-Diabetes erkranken, sind zum Zeitpunkt der Diagnose übergewichtig oder adipös.
Besonders das viszerale Fett im Bauchraum spielt eine Schlüsselrolle: Es setzt entzündungsfördernde Botenstoffe frei und fördert die Insulinresistenz. Außerdem gelangen aus dem Bauchfett vermehrt Fettsäuren in die Leber, was die Zuckerproduktion der Leber steigert und die Stoffwechsellage weiter verschlechtert. Die GBD-Studie 2021 beziffert den Anteil der weltweiten Krankheitslast durch Typ-2-Diabetes, der auf einen hohen BMI zurückzuführen ist, auf über 50 %.
Folgeerkrankungen und Auswirkungen auf das Altern
Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt auf verschiedenen Wegen den Körper. Man unterscheidet drei Hauptgruppen von Folgeschäden:
Schäden an kleinen Blutgefäßen: Diese betreffen vor allem die Augen (Netzhautschäden, die bis zur Erblindung führen können), die Nieren (bis hin zum Nierenversagen) und die Nerven (Gefühlsstörungen, besonders in Füßen und Händen).
Schäden an großen Blutgefäßen: Diabetes beschleunigt die Gefäßverkalkung und erhöht damit das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen in den Beinen.
Nervenschäden: Die sogenannte diabetische Neuropathie kann neben Missempfindungen auch die Funktion innerer Organe beeinträchtigen.
Im Kontext von Longevity ist besonders relevant: Diabetes Typ 2 beschleunigt biologische Alterungsprozesse. Dauerhaft erhöhter Blutzucker fördert die Bildung sogenannter AGEs (Fortgeschrittene Glykierungsendprodukte) – Verbindungen, die Gewebe verstärkt altern lassen. Zudem geht Diabetes mit chronischer Entzündung, erhöhtem oxidativem Stress und einer beschleunigten Zellalterung einher. All dies sind Mechanismen, die auch unabhängig von Diabetes als zentrale Treiber des biologischen Alterns gelten.
Epidemiologie: Zahlen und Entwicklung
Die Global Burden of Disease Study 2021 liefert die bislang umfassendste Datengrundlage: Im Jahr 2021 lebten weltweit etwa 529 Millionen Menschen mit Diabetes, davon 96 % mit Typ 2. Die altersstandardisierte Prävalenz lag bei 6,1 %. Prognosen zufolge könnte sich die Zahl der Betroffenen bis 2050 auf über 1,3 Milliarden mehr als verdoppeln – und für kein Land der Welt wird ein Rückgang erwartet. Die Krankheitslast betrifft überproportional Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in denen mehr als 80 % der Betroffenen leben.
Praxisrelevanz für Longevity
Diabetes Typ 2 ist einer der stärksten vermeidbaren Einflussfaktoren auf die Healthspan – die Lebensspanne in guter Gesundheit. Die Erkrankung verkürzt nicht nur das Leben selbst, sondern vor allem die Jahre, die in guter körperlicher und geistiger Verfassung verbracht werden. Diabetes gilt zudem als Risikofaktor für Alzheimer und Parkinson.
Die gute Nachricht: Diabetes Typ 2 ist in hohem Maße vermeidbar und teilweise sogar umkehrbar. Ein systematisches Review und eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 zeigten, dass verschiedene intensive Maßnahmen – darunter Ernährungsumstellung, Bewegungsprogramme, Gewichtsabnahme und Medikamente – bei einem Teil der Betroffenen eine Remission erreichen können. In der britischen DiRECT-Studie erreichten 46 % der Teilnehmenden nach 12 Monaten durch eine kalorienreduzierte Diät und Betreuung eine Remission. Langfristig sank dieser Anteil jedoch auf 13 % nach 5 Jahren, was die Bedeutung einer nachhaltigen Lebensstilanpassung unterstreicht.
Auch wenn eine vollständige Remission nicht bei allen gelingt: Jede Verbesserung des Lebensstils – mehr Bewegung, bessere Ernährung, Gewichtsreduktion – kann den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen und das Risiko für Folgeerkrankungen senken.
Handlungstipps / Takeaways
- Bewegen Sie sich regelmäßig: Mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche (z. B. zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen) können das Diabetesrisiko deutlich senken. Auch Krafttraining verbessert die Insulinempfindlichkeit der Muskeln. Bewegung wirkt zudem direkt gegen viszerales Fett – den wichtigsten Risikofaktor.
- Auf die Ernährung achten: Eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten steht in der Forschung mit einem geringeren Diabetesrisiko in Verbindung. Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel und zuckerhaltige Getränke sollten reduziert werden.
- Gewicht im Blick behalten: Besonders der Bauchumfang gibt Hinweise auf das Risiko. Richtwerte für erhöhtes Risiko: ab 94 cm bei Männern, ab 80 cm bei Frauen. Bereits eine moderate Gewichtsabnahme von 5–10 % des Körpergewichts kann den Blutzucker spürbar verbessern.
- Blutzucker kennen: Ab dem 45. Lebensjahr oder bei Risikofaktoren empfiehlt sich eine regelmäßige Kontrolle des Nüchternblutzuckers und des Langzeitblutzuckers (HbA1c). Ein Prädiabetes – die Vorstufe – bietet ein Zeitfenster, in dem durch Lebensstiländerungen eine Erkrankung oft noch verhindert werden kann.
- Schlaf und Stress beachten: Chronischer Schlafmangel und Dauerstress verschlechtern die Insulinempfindlichkeit und erhöhen das Diabetesrisiko. Ausreichender, erholsamer Schlaf (7–8 Stunden) und gezielte Stressbewältigung sind wichtige ergänzende Maßnahmen.
- Früh handeln, langfristig dranbleiben: Die Forschung zeigt, dass frühe Interventionen – am besten schon im Prädiabetes-Stadium – die größte Wirkung haben. Entscheidend ist die Nachhaltigkeit: Kurzfristige Diäten zeigen weniger Wirkung als dauerhafte Veränderungen im Alltag.
Forschung & Projekte
Die Diabetes-Forschung hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Neue Medikamentengruppen wie GLP-1-Rezeptor-Agonisten (z. B. Semaglutid) und SGLT2-Hemmer verbessern nicht nur den Blutzucker, sondern bieten auch Schutz für Herz und Nieren und fördern die Gewichtsabnahme. Diese Wirkstoffe haben die Behandlungsmöglichkeiten grundlegend erweitert.
Ein wachsendes Forschungsfeld ist die Frage der Remission: Unter welchen Bedingungen kann Diabetes Typ 2 zurückgedrängt werden? Aktuelle Studien untersuchen, welche Kombinationen aus Ernährung, Bewegung und Medikamenten die besten Langzeitergebnisse liefern. Auch die präzisere Einteilung von Diabetes in Untergruppen (Präzisionsmedizin) wird vorangetrieben, um Therapien besser auf den einzelnen Menschen zuzuschneiden. Für die Longevity-Medizin ist besonders relevant, inwieweit die Verhinderung oder frühe Behandlung von Diabetes die biologische Alterung verlangsamen kann.
Quellen & Hinweise
GBD 2021 Diabetes Collaborators.(2023) Global, regional, and national burden of diabetes from 1990 to 2021, with projections of prevalence to 2050: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet. 2023;402(10397):203–234. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(23)01301-6
Lu X, Xie Q, Pan X, et al. (2024) Type 2 diabetes mellitus in adults: pathogenesis, prevention and therapy. Signal Transduct Target Ther. 2024;9(1):262. https://doi.org/10.1038/s41392-024-01951-9
Galicia-Garcia U, Benito-Vicente A, Jebari S, et al. (2020) Pathophysiology of type 2 diabetes mellitus. Int J Mol Sci. 2020;21(17):6275. https://doi.org/10.3390/ijms21176275
Sherifali DT, Racey ME, Greenway MK, et al. (2025) Type 2 diabetes remission: a systematic review and meta-analysis of nonsurgical randomized controlled trials. Diabetes Care. 2025;48(12):2181–2191. https://doi.org/10.2337/dc25-0562
American Diabetes Association Professional Practice Committee. Standards of Care in Diabetes – 2024. Diabetes Care. 2024;47(Suppl 1):S1–S321. https://doi.org/10.2337/dc24-SINT
Wichtiger Hinweis: Die Inhalte dieses Glossarartikels dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf Diabetes oder bei Interesse an den beschriebenen Maßnahmen sollte immer eine ärztliche Konsultation erfolgen.