Mundgesundheit & Brain Health
- 1. November 2026
- Verfasst von: Gastbeitrag: Prof. Dr. med. Rolf Müllejans
- Allgemein
Was Zahnfleisch mit Gedächtnis und gesundem Altern zu tun hat
Wenn über Gehirngesundheit gesprochen wird, denken viele Menschen zunächst an geistige Aktivität, Schlaf, Bewegung, Ernährung, soziale Kontakte oder den Umgang mit Stress. Viele dieser Faktoren sind gut untersucht und spielen für die Gehirngesundheit eine wichtige Rolle. Ein Bereich verdient dabei jedoch mehr Aufmerksamkeit, als wir ihm häufig zuteilwerden lassen: die Mundgesundheit.
Dabei zeigt die wissenschaftliche Forschung zunehmend, dass der Zustand von Zähnen, Zahnfleisch und Zahnhalteapparat nicht isoliert betrachtet werden sollte. Der Mund ist ein wichtiger Teil unseres Körpers. Er steht in Verbindung mit dem Immunsystem, mit Entzündungsprozessen, mit Gefäßgesundheit, Ernährung und sozialer Teilhabe. Genau diese Faktoren spielen auch für Brain Health, also den Erhalt kognitiver Leistungsfähigkeit, eine wichtige Rolle.
Für die Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. ist diese Perspektive besonders relevant. Denn Longevity bedeutet nicht nur, länger zu leben. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen möglichst lange gesund, aktiv, selbstbestimmt und geistig leistungsfähig bleiben können – also eine möglichst lange Healthspan erreichen.
Parodontitis und kognitiver Abbau: Was die Forschung zeigt
Parodontitis ist eine chronische und meist dauerhafte Entzündung des Zahnhalteapparats. Sie betrifft nicht nur das Zahnfleisch, sondern auch die Strukturen, die den Zahn im Kiefer halten. Bleibt sie unbehandelt, kann sie zu Zahnlockerung und Zahnverlust führen. Medizinisch bedeutsam ist jedoch noch ein weiterer Aspekt: Parodontitis kann mit systemischen Entzündungsprozessen verbunden sein.
Mehrere Beobachtungsstudien, systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen weisen darauf hin, dass schlechte parodontale Gesundheit und Zahnverlust mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigung und Demenz assoziiert sind. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich relevant, müssen aber sorgfältig eingeordnet werden.
Denn eine Assoziation bedeutet nicht automatisch Ursache und Wirkung. Aus den bisherigen Daten lässt sich nicht ableiten, dass Parodontitis Demenz verursacht. Ebenso wenig wäre die Aussage seriös, eine zahnärztliche Behandlung könne Alzheimer verhindern. Solche Zuspitzungen wären wissenschaftlich nicht haltbar.
Zulässig und sinnvoll ist jedoch eine andere Aussage: Schlechte Mundgesundheit gilt als potenziell beeinflussbarer Risikofaktor beziehungsweise Marker im Kontext von Brain Health. Sie ist damit ein Baustein präventiver Gesundheitsstrategien – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Entzündung als mögliche Brücke zwischen Mund und Gehirn
Ein zentraler Erklärungsansatz liegt in der chronischen Entzündung. Parodontitis ist kein kurzfristiger Reizzustand, sondern kann über Jahre hinweg schmerzfrei bestehen. Durch die dabei entstehende „offene Eintrittspforte“ in unseren Blutkreislauf gelangen dorthin 24/7 bakterielle Bestandteile und entzündliche Botenstoffe und tragen zu einer systemischen Immunaktivierung bei.
Chronische, niedriggradige Entzündungen gelten in der Altersforschung als wichtiger biologischer Mechanismus. Häufig wird in diesem Zusammenhang von „Inflammaging“ gesprochen. Gemeint ist eine anhaltende, unterschwellige Entzündungsaktivität, die mit zunehmendem Alter häufiger auftritt und verschiedene Organsysteme belasten kann.
Auch das Gehirn reagiert empfindlich auf entzündliche Prozesse. Neurodegenerative Erkrankungen entstehen nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, vaskulärer, metabolischer und lebensstilbezogener Einflüsse. Chronische Entzündungen können dabei eine Rolle spielen – etwa über Gefäßveränderungen, Immunprozesse oder Wechselwirkungen mit Stoffwechsel und Mikrobiom.
Parodontitis ist in diesem Zusammenhang nicht als alleinige Ursache zu verstehen. Sie kann aber ein weiterer beeinflussbarer Entzündungsfaktor sein, der in einer umfassenden Präventionsstrategie berücksichtigt werden sollte.
Aktuelle Ergänzung: Parodontitis und epigenetisches Altern
Eine aktuelle populationsbasierte Auswertung von NHANES-Daten ergänzt diese Einordnung um eine direkte Longevity-Perspektive. In die Analyse wurden 1.926 Erwachsene ab 50 Jahren mit DNA-Methylierungsdaten und oralmedizinischen Befunden einbezogen. Schwere Parodontitis im Stadium III/IV war gegenüber periodontal gesunden beziehungsweise nur mild erkrankten Personen mit einer höheren epigenetischen Altersbeschleunigung assoziiert. Bei drei der vier untersuchten epigenetischen Uhren lag die Altersbeschleunigung im Mittel etwa 1,35 bis 2,12 Jahre höher. Auch Zahnlosigkeit zeigte bei drei der vier Aging-Clocks entsprechende Zusammenhänge.
Diese Daten sind für den Longevity-Kontext interessant, weil sie Mundgesundheit nicht nur mit einzelnen Erkrankungsrisiken, sondern mit biologischen Alterungsmarkern verbinden. Zugleich bleibt die Einordnung wichtig: Es handelt sich um eine querschnittliche Beobachtungsanalyse. Sie zeigt eine Assoziation, aber keine Kausalität. Sie belegt auch nicht, dass eine Parodontaltherapie epigenetisches Altern rückgängig macht.
Für die DLGeV ist daraus vor allem eine vorsichtige, aber relevante Botschaft ableitbar: Schwere Parodontitis und Zahnlosigkeit können als Hinweise auf systemische biologische Belastungen verstanden werden. Genau deshalb gehört Mundgesundheit in eine präventive Longevity-Perspektive.
Das orale Mikrobiom: plausibler Mechanismus, aber noch keine Therapieempfehlung
In den vergangenen Jahren ist auch das orale Mikrobiom stärker in den Blick der Forschung gerückt. Die Mundhöhle ist ein komplexes mikrobielles Ökosystem. Gerät dieses Ökosystem aus dem Gleichgewicht, können entzündungsfördernde Bakterien an Bedeutung gewinnen.
Besonders diskutiert wird unter anderem Porphyromonas gingivalis, ein Bakterium, das mit Parodontitis in Verbindung steht. Forschungsarbeiten untersuchen, ob bestimmte bakterielle Bestandteile oder Toxine neuroinflammatorische Prozesse beeinflussen könnten. Diese Ansätze sind biologisch plausibel und wissenschaftlich spannend.
Aktuelle Arbeiten zum oralen Mikrobiom weisen zusätzlich darauf hin, dass bestimmte orale Kommensalen im Kontext biologischer Alterungsprozesse untersucht werden. Eine Nature-Aging-Arbeit zu Neisseria flavescens verbindet humanassoziative Daten mit Modellorganismen und beschreibt diese Spezies als möglichen geroprotektiven Kandidaten. Für die Kommunikation bleibt auch hier entscheidend: Es ist ein spannender Forschungsansatz, aber noch keine klinische Empfehlung für eine konkrete Intervention.
Aus den mechanistischen Hinweisen entsteht jedoch noch keine klinische Handlungsempfehlung im Sinne einer „Longevity-Therapie“. Das orale Mikrobiom wird als möglicher biologischer Pfad zwischen Mundgesundheit, systemischer Entzündung und Gehirngesundheit untersucht. Seine klinische Bedeutung ist bislang nicht geklärt.
Zahnverlust, Kauen und kognitive Gesundheit
Brain Health hängt nicht allein von Entzündungsprozessen ab. Auch funktionelle Faktoren spielen eine Rolle. Dazu gehört der Erhalt natürlicher Zähne und einer guten Kaufunktion.
Eine systematische Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass eine eingeschränkte gemessene Kaufunktion mit einem niedrigeren kognitiven Status assoziiert sein kann. Die bisherigen Daten erlauben jedoch keine sichere Aussage darüber, ob ein kausaler Zusammenhang besteht. Weitere longitudinale Studien sind erforderlich.
Hinzu kommt ein sozialer Aspekt. Sichtbarer Zahnverlust, Mundgeruch, Schmerzen oder Unsicherheit beim Essen können dazu führen, dass Menschen soziale Situationen und Kontakte meiden. Auch das ist für Longevity relevant. Soziale Verbundenheit gilt als wichtiger Bestandteil gesunden Alterns. Mundgesundheit betrifft daher nicht nur biologische, sondern auch funktionelle und soziale Dimensionen der Healthspan.
Prävention bedeutet: Risiken frühzeitig erkennen
Die zentrale Botschaft lautet nicht, dass Mundgesundheit allein vor kognitivem Abbau schützt. Eine solche Aussage wäre falsch. Gehirngesundheit entsteht durch viele Faktoren: Bewegung, Schlaf, Ernährung, Blutdruck, Stoffwechsel, soziale Beziehungen, geistige Aktivität, Stressregulation und medizinische Prävention.
Mundgesundheit gehört jedoch in dieses Gesamtbild. Sie ist messbar, beobachtbar und vor allem beeinflussbar. Gerade deshalb ist sie präventiv so interessant.
Warnzeichen wie Zahnfleischbluten, Zahnfleischrückgang, anhaltender Mundgeruch, Zahnlockerungen oder Schmerzen beim Kauen sollten nicht bagatellisiert werden. Auch regelmäßige zahnärztliche Kontrollen und eine gezielte parodontale Diagnostik können helfen, Risiken früher zu erkennen.
Dabei geht es vor allem nicht um Angst, sondern um Aufmerksamkeit. Prävention beginnt dort, wo vermeidbare Belastungen erkannt und reduziert werden können.
Warum interdisziplinäres Denken wichtiger wird
Lange wurde Mundgesundheit vor allem als zahnmedizinisches Thema verstanden. Heute zeigt sich immer deutlicher, dass sie auch für andere Fachbereiche relevant sein kann – etwa für Allgemeinmedizin, Diabetologie, Kardiologie, Geriatrie und Neurowissenschaften.
Gerade im höheren Lebensalter kann es sinnvoll sein, zahnärztliche Befunde stärker in den allgemeinen Gesundheitskontext einzubeziehen. Das gilt besonders bei Menschen mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Risiken, chronischen Entzündungen, Gebrechlichkeit oder beginnenden kognitiven Einschränkungen.
Ein moderner Longevity-Ansatz betrachtet den Körper nicht in getrennten Einzelsystemen. Er fragt danach, wie verschiedene Faktoren zusammenspielen – und welche beeinflussbaren Risiken frühzeitig adressiert werden können.
Was die Wissenschaft heute sagt – und was nicht
Gut belegt ist die Assoziation: Parodontitis und Zahnverlust sind in Beobachtungsstudien mit kognitivem Abbau und einem höheren Demenzrisiko verbunden. Ebenfalls plausibel ist, dass chronische Entzündung, Gefäßgesundheit, orale Bakterien, Ernährung und Kaufunktion mögliche Verbindungswege darstellen.
Nicht abschließend bewiesen ist: dass Parodontitis Demenz verursacht. Ebenfalls nicht belegt ist, dass zahnärztliche Behandlung Alzheimer verhindert oder kognitive Erkrankungen therapeutisch beeinflusst.
Diese Differenzierung ist entscheidend. Denn gerade im Longevity-Bereich besteht die Gefahr, aus spannenden wissenschaftlichen Hinweisen zu schnell praktische Heilsversprechen abzuleiten. Verantwortungsvolle Prävention braucht jedoch beides: Offenheit für neue Zusammenhänge und Klarheit über die Grenzen der Evidenz.
Fazit: Mundgesundheit ist ein Teil von Brain Health
Mundgesundheit ist kein Randthema. Sie betrifft Entzündung, Ernährung, Kaufunktion, soziale Teilhabe und systemische Gesundheit. Genau deshalb gehört sie in eine ganzheitliche Betrachtung von Longevity und Brain Health.
Die aktuelle Forschung spricht nicht von einfachen Ursachen, sondern von Zusammenhängen, Risikofaktoren und plausiblen Mechanismen. Das macht das Thema nicht weniger wichtig – im Gegenteil. Denn gerade beeinflussbare Faktoren verdienen in der Prävention besondere Aufmerksamkeit.
Gute Mundgesundheit ist kein Garant für gesundes Altern. Aber sie ist ein sinnvoller, oft unterschätzter Baustein auf dem Weg zu einer längeren Healthspan.
Oder anders gesagt: Wer Gehirngesundheit ernst nimmt, sollte den Mund nicht übersehen.
Zum ersten Beitrag der Reihe: Warum Mundgesundheit mehr ist als Zähneputzen
Ausblick
Dies ist mein zweiter Beitrag in der Reihe „Mundgesundheit" – Im dritten Beitrag der Serie befasse ich mich mit der Verbindung zwischen Mundgesundheit, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System – und damit, warum Parodontitis besonders im Zusammenhang mit Diabetes und kardiovaskulärer Prävention eine größere Rolle spielt, als lange angenommen wurde. – Prof. Dr. med. Dr. med. Dr. med. dent. Rolf Müllejans
Wissenschaftliche Quellen und Einordnung
Chen, Y.-N., Wang, L., Romandini, M. & Michaud, D. S. (2026): Periodontitis, Edentulism, and Accelerated Biological Aging: A Population-Based Study of Epigenetic Clocks. Journal of Periodontal Research. Online ahead of print. DOI: 10.1111/jre.70163. PMID: 42775949.
Einordnung: Populationsbasierte NHANES-Querschnittsanalyse mit 1.926 Erwachsenen ab 50 Jahren. Stadium-III/IV-Parodontitis war bei drei von vier epigenetischen Uhren mit einer um etwa 1,35 bis 2,12 Jahre höheren Altersbeschleunigung assoziiert; auch Zahnlosigkeit zeigte bei drei Uhren entsprechende Zusammenhänge. Geeignet als aktuelle Longevity-Ergänzung; keine Kausalitätsaussage und kein Interventionsnachweis.
Chen, J. et al. (2026): Multi-modality profiling identifies Neisseria flavescens as a central geroprotective oral commensal in humans. Nature Aging. DOI: 10.1038/s43587-026-01220-0.
Einordnung: Aktuelle Arbeit zum oralen Mikrobiom und biologischem Altern. Die Studie kombiniert humanassoziative Daten mit Modellorganismen und stützt die Plausibilität einer Oral-Mikrobiom-Aging-Achse. Nicht geeignet für klinische Therapie- oder Präventionsversprechen. Redaktioneller Hinweis: Für „Neisseria flavescens and its applications“ ist ein Patent zweier Autoren der Studie anhängig.
Asher, S. et al. (2022): Periodontal health, cognitive decline, and dementia: A systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. Journal of the American Geriatrics Society, 70(9), 2695–2709. DOI: 10.1111/jgs.17978.
Einordnung: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse longitudinaler Studien. Die Arbeit stützt die Aussage, dass schlechte parodontale Gesundheit und Zahnverlust mit kognitivem Abbau und Demenz assoziiert sind. Zugleich werden methodische Grenzen, Heterogenität und mögliche Reverse Causality berücksichtigt.
Demmer, R. T. et al. (2026): Periodontitis, Tooth Loss, and Risk of Cognitive Impairment and Dementia: A Systematic Review With Meta-Analysis. Journal of Periodontal Research. DOI: 10.1111/jre.70177.
Einordnung: Aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von 59 Kohortenstudien. Parodontitis und Zahnverlust waren mit einem moderat höheren Risiko für kognitive Beeinträchtigung beziehungsweise Demenz assoziiert. Heterogenität, mögliches Residual-Confounding und Bias begrenzen die kausale Interpretation; Interventionsstudien sind weiterhin erforderlich.
Dibello, V. et al. (2024): Impact of periodontal disease on cognitive disorders, dementia, and depression: a systematic review and meta-analysis. GeroScience, 46, 5133–5169. DOI: 10.1007/s11357-024-01243-8.
Einordnung: Aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur Verbindung zwischen Parodontalerkrankungen, kognitiven Störungen, Demenz und Depression. Geeignet als aktuelle Ergänzung der bisherigen Evidenzlage.
Dominy, S. S. et al. (2019): Porphyromonas gingivalis in Alzheimer’s disease brains: Evidence for disease causation and treatment with small-molecule inhibitors. Science Advances, 5(1), eaau3333. DOI: 10.1126/sciadv.aau3333.
Einordnung: Mechanistische Studie zu Porphyromonas gingivalis, Gingipainen und Alzheimer-Kontext. Relevant für die Plausibilität mikrobieller und entzündlicher Mechanismen, aber nicht als Grundlage für klinische Präventions- oder Therapieversprechen im Longevity-Kontext. Redaktioneller Hinweis: Die Arbeit wurde von Cortexyme finanziert; mehrere Autoren waren Mitarbeitende, Anteilseigner, Berater oder an einschlägigen Patenten beteiligt.
Maekawa, K. et al. (2024): Associations between measured masticatory function and cognitive status: A systematic review. Gerodontology, 41(4), 452–463. DOI: 10.1111/ger.12751.
Einordnung: Systematischer Review zur Verbindung zwischen gemessener Kaufunktion und kognitivem Status. Mehrere Studien zeigen eine positive Assoziation; die Autoren betonen jedoch, dass weitere longitudinale Forschung nötig ist, um Kausalität zu beurteilen. Geeignet zur Absicherung einer vorsichtigen Assoziationsaussage zur Kaufunktion.