Wellness-Paradox: Wenn Gesundheit stresst
Zwischen Selbstoptimierung und fehlender Orientierung
Heute ist vieles darüber bekannt, welche Faktoren Gesundheit beeinflussen können. Das Gottlieb Duttweiler Institut, ein Schweizer Forschungsinstitut für Wirtschaft und Gesellschaft, hat dazu Menschen in der Schweiz, Deutschland und Österreich zu Gesundheit, Ernährung und Schönheit befragt. Über die Hälfte von ihnen ist überzeugt, die eigene Gesundheit und sogar den Alterungsprozess steuern zu können.
Diese Zuversicht hat eine Kehrseite. Wer glaubt, Gesundheit lasse sich steuern, ist in der eigenen Wahrnehmung auch dafür zuständig, dass sie gelingt.
Genug Schlaf, ausreichend Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, Stress abbauen, soziale Kontakte pflegen, Bildschirmzeit begrenzen. Viele dieser Faktoren sind gut untersucht. Die Frage ist, was geschieht, wenn aus lauter guten Möglichkeiten ein anstrengendes Pflichtenheft wird.
Christine Schäfer, Trendforscherin am Institut und Leiterin der Studie, nennt genau dieses Spannungsfeld das "Wellness-Paradox".
Nach ihrer Darstellung sind viele Menschen durchaus motiviert, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Doch das Angebot an Möglichkeiten und Informationen überfordere viele zugleich. Der Wunsch, die eigene Gesundheit ständig zu verbessern, kann dadurch selbst zum Stressfaktor werden.
Wellness-Paradox und Wellness-Burn-out sind Begriffe aus der Trendforschung und keine medizinischen Diagnosen. Sie beschreiben ein gesellschaftliches Muster, keine Erkrankung.
Besonders deutlich zeigt sich das bei den Jüngeren. Von den 16- bis 24-Jährigen geben nur zwölf Prozent an, selten gestresst zu sein.
Woran es tatsächlich hakt
Die Vermutung, es gebe schlicht zu viele Informationen, lässt sich für Deutschland mit belastbaren Daten prüfen. Dafür gibt es eine eigene Forschungsrichtung, die Gesundheitskompetenz untersucht.
Gesundheitskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und im Alltag anzuwenden. Gemeint ist also nicht medizinisches Fachwissen, sondern der praktische Umgang mit dem, was man liest und hört.
Ein Forschungsteam der Universität Bielefeld, der Charité Universitätsmedizin Berlin und der Hertie School hat dazu im Oktober 2024 bis Januar 2025 die dritte repräsentative Erhebung für Deutschland vorgelegt, kurz HLS-GER 3. Nach deren Ergebnissen weisen 55,7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine geringe Gesundheitskompetenz auf. Umgekehrt verfügen 44,4 Prozent über eine hohe Gesundheitskompetenz, davon 18,1 Prozent über eine exzellente und 26,3 Prozent über eine ausreichende.
Die Mehrheit der Bevölkerung hat also Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen. Die Ergebnisse zur Gesundheitskompetenz liefern dazu einen verwandten Befund: Vielen Menschen fällt der Umgang mit Gesundheitsinformationen schwer.
Die Erhebung im Detail
Aufbau. Befragt wurden knapp 2.650 Personen ab 18 Jahren in persönlichen Interviews. Die Erhebung fand zwischen November 2024 und Januar 2025 statt und wurde methodisch so angelegt, dass sich die Ergebnisse unmittelbar mit der fünf Jahre zuvor durchgeführten Erhebung vergleichen lassen. Die Hauptstudie wurde vom Bosch Health Campus unterstützt und finanziert. Das Land Nordrhein-Westfalen förderte außerdem eine regionale Zusatzbefragung.
Ergebnis. Gegenüber der Vorgängererhebung hat sich die Gesundheitskompetenz um 3,1 Prozentpunkte verbessert. Schwierig bleibt vor allem die Orientierung im Gesundheitssystem. 82,0 Prozent weisen hier eine geringe Kompetenz auf, haben also Mühe, ohne Umwege an die richtige Stelle für Beratung und Versorgung zu gelangen.
Der wichtigste Nebenbefund. Die Verbesserung verteilt sich ungleich. Während sich die Gesundheitskompetenz bei sozial und finanziell besser gestellten Gruppen verbesserte, stagnierte sie bei finanziell benachteiligten Menschen und bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus verschlechterte sie sich sogar. Die Kluft zwischen den Gruppen wächst also, obwohl der Durchschnitt steigt.
Grenzen. Es handelt sich um eine Befragung, die erfasst, wie Menschen ihren eigenen Umgang mit Gesundheitsinformationen einschätzen. Sie misst nicht, ob jemand im Einzelfall richtig entscheidet. Und sie beschreibt einen Zustand, ohne dessen Ursachen zu klären.
Warum gerade das Beurteilen so schwerfällt
Schwierig ist offenbar weniger der Zugang zu Informationen als deren Einordnung. In der Befragung des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen (NIM), die wir in Longevity zwischen Wunsch und Alltag vorgestellt haben, nannten 22 Prozent fehlendes Wissen darüber, was wirklich wirkt, als Hürde. Ebenfalls 22 Prozent nannten geringes Vertrauen in Trends und Anbieter.
Schäfer bietet für den Drang zur Selbstoptimierung eine Deutung an. Sie vermutet, dass Selbstoptimierung auch ein Bedürfnis nach Kontrolle in einer Welt sein kann, die aus den Fugen geraten ist. Das ist ausdrücklich eine Vermutung der Forscherin und kein belegter Zusammenhang.
Offene Fragen
Zwei sehr unterschiedliche Quellenarten. Die Trendstudie und die Gesundheitskompetenzerhebung lassen sich nicht gegeneinander verrechnen. Die eine beschreibt Stimmungen und Konsumverhalten im deutschsprachigen Raum, die andere misst eine definierte Fähigkeit in Deutschland. Dass beide in dieselbe Richtung weisen, ist ein Hinweis und kein Beweis.
Trägerschaft. Das Gottlieb Duttweiler Institut ist eine unabhängige Schweizer Stifung und wird vom Migros-Kulturprozent unterstützt. „Die Feelgood Revolution“ ist eine Trendstudie und kein peer-reviewter wissenschaftlicher Fachartikel. Für diesen Beitrag dient sie deshalb vor allem als Ausgangspunkt für die gesellschaftliche Beobachtung.
Ob der Druck wirklich zunimmt. Eine einzelne Befragung kann nicht zeigen, ob sich etwas verändert hat. Vergleichsdaten über längere Zeiträume liegen für dieses Phänomen bislang nicht vor.
Was die Fachleute empfehlen
Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz, ein Kooperationsprojekt der Universität Bielefeld und der Hertie School, leitet aus den Befunden ab, dass Gesundheitskompetenz gezielt gefördert werden muss. Er benennt dazu vier Handlungsfelder und fünfzehn Empfehlungen. Der Ansatz richtet sich damit nicht nur an Einzelne, sondern an das Gesundheitssystem, an Bildungseinrichtungen und an die Politik.
Für die eigene Orientierung bleibt der Hinweis auf unabhängige Anlaufstellen. Welche das sind und wie sie sich von kommerziellen Angeboten unterscheiden, haben wir in Prävention in Deutschland zusammengestellt. Wie sich seriöse Einordnung von Marktversprechen trennen lässt, beschreibt unser Beitrag Longevity braucht den weiten Blick.
Was lässt sich daraus ablesen
Auffällig ist, wie gut der Befund zu etwas passt, das wir kürzlich an anderer Stelle beschrieben haben. In der Untersuchung des DZNE zu zehn Ernährungsweisen lautete die Botschaft der Forschenden, dass man keine perfekte Diät braucht. Monique Breteler vom DZNE hob hervor, dass sich gesunde Ernährung an persönliche und kulturelle Vorlieben, an das Budget und an den Geschmack anpassen lässt. Mehrere Wege führen zum Ziel.
Das ist, nüchtern betrachtet, das Gegenteil der Logik, die dem Wellness-Paradox zugrunde liegt. Beide Befunde zeigen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse häufig mehr Spielraum lassen, als die Suche nach der optimalen Lösung vermuten läasst. Der Anspruch, für Gesundheit immer die perfekte Ernährung, Routine oder Methode finden zu müssen, lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten. Was psychisches Wohlbefinden für eine lange gesunde Lebensspanne bedeutet, haben wir in unserem Hauptartikel zu Longevity und psychischem Wohlbefinden zusammengetragen, und welche Bausteine bei der Ernährung immer wiederkehren, im entsprechenden Hauptartikel.
Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist
Gesundheitsbewusstsein ist etwas anderes als dauernde Sorge um die eigene Gesundheit. Wenn Gedanken an Ernährung, Gewicht, Gesundheitswerte oder Routinen den Alltag deutlich belasten oder das Wohlbefinden über längere Zeit beeinträchtigen, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Sprechstunde kann eine erste Anlaufstelle sein.
Quellen
1. Gottlieb Duttweiler Institute (GDI): Feelgood Revolution (2026)
Schäfer, C., Scheidegger, G. & Bauer, J. C. (2026). Feelgood Revolution. Das neue Ökosystem an der Schnittstelle von Food, Health und Beauty. GDI Studie Nr. 61.
DOI: https://doi.org/10.59986/QDQU6777
Studie und Download beim GDI
Grundlage für die Einordnung des Wellness-Paradoxons, des gesellschaftlichen Strebens nach Wohlbefinden und der damit verbundenen Belastungen. Die Studie ist eine Trendstudie, keine peer-reviewte wissenschaftliche Fachpublikation.
2. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): Das Wellness-Paradox – Gesund, getrimmt, gestresst (15.09.2026)
Zum Beitrag bei SRF
Ergänzende journalistische Einordnung der GDI-Studie und Interviewaussagen der Trendforscherin Christine Schäfer, insbesondere zur möglichen Verbindung von Selbstoptimierung und Kontrollbedürfnis.
3. Universität Bielefeld: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland – Ergebnisse des HLS-GER 3 (2025)
Schaeffer, D., Griese, L., Singh, H., Ewers, M. & Hurrelmann, K. (2025). Factsheet: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland – Ergebnisse des HLS-GER 3. Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung, Universität Bielefeld.
Studienseite mit Zusammenfassung, Factsheets und weiterführenden Publikationen
Zentrale Quelle für die Angaben zur Gesundheitskompetenz in Deutschland, zur Erhebungsmethodik und zu sozialen Unterschieden. Die Erhebung fand von Oktober 2024 bis Januar 2025 statt.
4. Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP-GK)
Offizielle Website und Download des Aktionsplans
Grundlage für die fachliche Einordnung von Gesundheitskompetenz als Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und für gesundheitsbezogene Entscheidungen anzuwenden.
Angaben zum Beitrag
Redaktionelle Verantwortung, Michael Altewischer | Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. | Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Basis der genannten Quellen erstellt und hat keine fachliche Einzelprüfung durchlaufen. Stand der letzten Aktualisierung, 12.10.2026. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Er gibt Befragungsergebnisse und Einschätzungen benannter Fachleute und Institutionen wieder.