Lebenserwartung in Deutschland

  • 24. Oktober 2026
  • Verfasst von: Michael Altewischer | Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
  • Allgemein

Welche Rolle spielt die soziale Lage?

Eine Zahl, die aus der Reihe fällt: Longevity wird fast immer als persönliche Geschichte erzählt. Was jemand isst, wie er schläft, ob er sich bewegt. Eine Auswertung des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2025 richtet den Blick auf eine andere Ebene: die soziale Lage einer Region. Für 2020 bis 2022 betrug die berechnete Lebenserwartungslücke zwischen den am stärksten und den am wenigsten benachteiligten Regionen 7,2 Jahre bei Männern und 4,3 Jahre bei Frauen. Zwanzig Jahre zuvor waren es 5,7 beziehungsweise 2,6 Jahre.

Für Longevity ist das relevant, weil der Blick damit über individuelle Entscheidungen hinausgeht.

Wo steht Deutschland insgesamt

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt. Nach der Sterbetafel des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2025 lag sie bei Geburt für Frauen bei 83,6 Jahren und für Männer bei 79,1 Jahren. Beides sind Höchstwerte. Gegenüber dem Vorjahr kamen bei Frauen knapp zwei Monate hinzu, bei Männern rund drei.

Auch zwischen den Bundesländern zeigen sich in der Dreijahres-Sterbetafel 2023/2025 deutliche Abstände. Am höchsten lag die Lebenserwartung in Baden-Württemberg mit 84,4 Jahren für Frauen und 80,3 Jahren für Männer. Am niedrigsten lag sie bei Frauen im Saarland mit 82,0 Jahren und bei Männern in Sachsen-Anhalt mit 76,4 Jahren. Bei Männern sind das fast vier Jahre Unterschied zwischen zwei Bundesländern.

Das Statistische Bundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Werte keine Vorhersage für heute geborene Kinder sind. Sie beschreiben die Sterblichkeitsverhältnisse der Gegenwart und treffen keine Annahme darüber, wie sich die Medizin und die Lebensbedingungen künftig entwickeln.

Was hat das RKI untersucht

Ein Team um Jens Hoebel vom Robert Koch-Institut ist der Frage nachgegangen, wie sich die Lebenserwartung zwischen wohlhabenden und benachteiligten Regionen unterscheidet und wie sich dieser Abstand über die Zeit entwickelt hat. Die Studie wurde im Journal of Health Monitoring des RKI veröffentlicht und vor der Veröffentlichung von unabhängigen Fachleuten geprüft.

Grundlage war die amtliche Todesursachenstatistik der Jahre 2003 bis 2022. Die Statistik erfasst alle amtlich registrierten Sterbefälle, nicht nur eine Stichprobe. Die Sterbefalldaten wurden mit den amtlichen Bevölkerungszahlen aller 400 Landkreise und kreisfreien Städte zusammengeführt. Für jeden Kreis wurde die Lebenserwartung nach der Sterbetafelmethode berechnet, getrennt für Frauen und Männer und in gleitenden Dreijahreszeiträumen.

Wie wird die soziale Lage einer Region gemessen

Um die soziale Lage der Regionen vergleichbar zu machen, nutzten die Forschenden den German Index of Socioeconomic Deprivation, kurz GISD. Er fasst neun Merkmale aus den Bereichen Bildung, Beschäftigung und Einkommen zusammen. Dazu gehören unter anderem die Arbeitslosenquote, das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen und der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss.

Aus diesen Angaben wird für jede Region ein Wert zwischen 0 und 1 berechnet. Je höher der Wert, desto stärker ist die soziale Benachteiligung. Die drei Bereiche Bildung, Beschäftigung und Einkommen fließen dabei gleich gewichtet ein.

Wichtig für die Einordnung: Der GISD beschreibt die soziale Lage einer Region. Er sagt nichts darüber aus, wie einzelne Menschen dort leben oder welche persönliche Lebenserwartung sie haben.

Das Ergebnis

Die Forschenden nutzten die Daten aller 400 Landkreise und kreisfreien Städte und berechneten daraus, wie groß der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den sozial am wenigsten und den am stärksten benachteiligten Regionen ist.

Dieser rechnerische Abstand hat sich im Lauf der Jahre vergrößert:

ZeitraumFrauenMänner
2003 bis 2005
2,6 Jahre
5,7 Jahre
2009 bis 2011
3,3 Jahre
6,3 Jahre
2020 bis 2022
4,3 Jahre
7,2 Jahre

Die Lücke war bei Männern über den gesamten Zeitraum größer als bei Frauen. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung insgesamt – bei Frauen von 81,8 auf 83,2 Jahre, bei Männern von 76,2 auf 78,3 Jahre.

Der Abstand wuchs vor allem deshalb, weil die Lebenserwartung in weniger benachteiligten Regionen stärker zunahm. In stark benachteiligten Regionen stagnierte sie nach Angaben der Autoren ab Mitte der 2010er Jahre weitgehend. Während der Pandemie wurde die Lücke noch größer. Entstanden war sie jedoch schon lange zuvor.

Was uns die Zahlen nicht sagen

Die Studie beschreibt Unterschiede zwischen Regionen, nicht zwischen einzelnen Menschen. Aus den Ergebnissen lässt sich deshalb nicht ableiten, wie lange jemand persönlich leben wird.

In jedem Landkreis leben Menschen mit sehr unterschiedlichen Einkommen, Berufen und Lebensbedingungen. Wer in einer stark benachteiligten Region wohnt, hat also nicht automatisch eine um sieben Jahre kürzere Lebenserwartung.

Was dahinterstehen könnte

Die Autoren nennen mehrere mögliche Gründe für die Unterschiede: Arbeits-, Wohn- und Umweltbedingungen, psychosoziale Belastungen wie chronischer Stress sowie Faktoren wie Rauchen, Ernährung, Bewegung und Alkoholkonsum. Besonders ins Gewicht fallen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten und chronische Atemwegserkrankungen.

Dass die Lücke bei Männern größer ist, lässt sich nach Einschätzung der Autoren nicht allein mit unterschiedlichem Gesundheitsverhalten erklären. Auch Erwerbsbeteiligung und Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. Wie stark die einzelnen Faktoren beitragen, bleibt offen.

Mehr zum Einfluss von chronischem Stress haben wir im Hauptartikel zum psychischen Wohlbefinden zusammengetragen.

Wie soziale Benachteiligung mit biologischen Alterungsprozessen zusammenhängen kann, haben wir bereits im Beitrag Wie soziale Benachteiligung das Altern beeinflusst eingeordnet. Die RKI-Auswertung ergänzt diese Perspektive um den Blick auf regionale Unterschiede in der Lebenserwartung in Deutschland.

Offene Fragen und Grenzen

Die Autoren nennen mehrere mögliche Gründe für die Unterschiede: Arbeits-, Wohn- und Umweltbedingungen, psychosoziale Belastungen wie chronischer Stress sowie Faktoren wie Rauchen, Ernährung, Bewegung und Alkoholkonsum. Besonders ins Gewicht fallen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten und chronische Atemwegserkrankungen.

Dass die Lücke bei Männern größer ist, lässt sich nach Einschätzung der Autoren nicht allein mit unterschiedlichem Gesundheitsverhalten erklären. Auch Erwerbsbeteiligung und Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. Wie stark die einzelnen Faktoren beitragen, bleibt offen.

Mehr zum Einfluss von chronischem Stress haben wir im Hauptartikel zum psychischen Wohlbefinden zusammengetragen.

Wie soziale Benachteiligung mit biologischen Alterungsprozessen zusammenhängen kann, haben wir bereits im Beitrag Wie soziale Benachteiligung das Altern beeinflusst eingeordnet. Die RKI-Auswertung ergänzt diese Perspektive um den Blick auf regionale Unterschiede in der Lebenserwartung in Deutschland.

Deutschland ist damit kein Sonderfall

Die WHO hat 2025 untersucht, wie sich gesundheitliche Unterschiede zwischen sozialen Gruppen entwickelt haben. Bereits 2008 hatte eine internationale Kommission das Ziel formuliert, die Unterschiede in der Lebenserwartung innerhalb von Ländern bis 2040 zu halbieren.

Davon sind viele Länder noch weit entfernt. Wo belastbare Daten vorliegen, sind die Abstände teilweise sogar größer geworden. Die WHO sieht deshalb weiterhin Handlungsbedarf bei den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, die Gesundheit mitprägen.

Was leiten RKI und WHO daraus ab

Aus Sicht der RKI-Autoren reicht es nicht, allein auf individuelles Verhalten zu setzen. Auch die Lebensbedingungen spielen eine Rolle. Genannt werden deshalb Maßnahmen, die mehrere Bereiche gleichzeitig einbeziehen – etwa Gesundheit, Soziales, Bildung oder Stadtentwicklung.

Als Beispiel führt die Studie die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung an: Höhere Sozialleistungen waren besonders in sozial benachteiligten Regionen Ostdeutschlands mit einer steigenden Lebenserwartung verbunden.

Auch die WHO richtet den Blick auf die Rahmenbedingungen. Sie nennt unter anderem wirtschaftliche Ungleichheit, öffentliche Infrastruktur, soziale Sicherung und den Einfluss kommerzieller Interessen auf Gesundheit.

Was bedeutet das für Leserinnen und Leser

Die Studie sagt nichts darüber aus, wie lange ein einzelner Mensch leben wird. Sie zeigt aber, dass Prävention nicht überall unter denselben Bedingungen stattfindet.

Ob Menschen Bewegungsempfehlungen umsetzen, Vorsorgeangebote nutzen oder gesundheitsfördernde Routinen in ihren Alltag integrieren können, hängt nicht allein von Wissen und Motivation ab. Auch soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Diesen Zusammenhang haben wir bereits in Longevity zwischen Wunsch und Alltag und Prävention in Deutschland aufgegriffen.

Das schmälert nicht die Bedeutung des eigenen Lebensstils. Bewegung, Ernährung, Schlaf und andere beeinflussbare Faktoren bleiben wichtig. Die RKI-Autoren machen jedoch deutlich, dass Maßnahmen, die allein beim individuellen Verhalten ansetzen, gesundheitliche Ungleichheiten nicht nachhaltig verringern können. Was sich persönlich beeinflussen lässt, haben wir in Gesund altern zusammengetragen.

Für die Deutsche Longevity Gesellschaft ist genau diese Verbindung entscheidend: Longevity ist persönlich – aber nicht nur Privatsache. RKI und WHO machen deutlich, dass auch die Bedingungen, unter denen Menschen leben, Gesundheit und Lebenserwartung mitprägen. Diesen Gedanken haben wir in Longevity gehört in die Mitte der Gesellschaft bereits aufgegriffen.

Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist

Dieser Beitrag beschreibt Bevölkerungsstatistik und erlaubt keine Einschätzung des individuellen Gesundheitszustands oder der persönlichen Lebenserwartung. Bei Fragen zu persönlichen gesundheitlichen Risiken kann die Hausarztpraxis eine erste Anlaufstelle sein.

Quellen

Hoebel, J., Michalski, N., Baumert, J., Nowossadeck, E., und Tetzlaff, F. (2025). Die Lebenserwartungslücke. Sozioökonomische Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Deutschlands Regionen. Journal of Health Monitoring 10(1), e13003. https://doi.org/10.25646/13003

Volltext als PDF beim Robert Koch-Institut. https://edoc.rki.de/bitstream/176904/12441/1/JHealthMonit_2025_01_Lebenserwartungsluecke.pdf

Statistisches Bundesamt (2026). Lebenserwartung bei Geburt für Frauen und Männer im Jahr 2025 auf neue Höchstwerte gestiegen. Pressemitteilung Nr. 236 vom 7. Juli 2026. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/07/PD26_236_12621.html

Weltgesundheitsorganisation (2025). World report on social determinants of health equity. https://www.who.int/publications/i/item/9789240107588

Angaben zum Beitrag

Redaktionelle Verantwortung, Michael Altewischer | Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.  Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Basis der genannten Quellen erstellt und hat keine fachliche Einzelprüfung durchlaufen. Stand der letzten Aktualisierung, 22.10.2026. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Er gibt Ergebnisse und Empfehlungen benannter Institutionen wieder und trifft keine Aussage über einzelne Personen oder Regionen.

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