Longevity zwischen Wunsch und Alltag
- 30. August 2026
- Verfasst von: Michael Altewischer Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
- Bewegung
Was Menschen davon abhält, länger gesund zu leben
Über Longevity wird derzeit viel gesprochen. Im Kern geht es dabei nicht um möglichst viele Lebensjahre, sondern um Healthspan: die Frage, wie lange Menschen gesund, aktiv und selbstbestimmt leben können.
Im Mittelpunkt stehen z.Bsp. Cryo-Kabinen, Schlaftracker und Bluttests, neue Präparate und neue Versprechen. Eine Frage kommt dabei selten vor: Warum tun Menschen eigentlich nicht mehr für ihre Gesundheit, obwohl der Wunsch nach einem langen und gesunden Leben weit verbreitet ist?
Das Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) hat genau danach gefragt. Das Institut ist ein unabhängiges außeruniversitäres Wirtschaftsforschungsinstitut und wurde 1934 als Gesellschaft für Konsumforschung gegründet, abgekürzt GfK. Diese Herkunft führt es bis heute im Namenszusatz. Befragt wurden 5.000 Menschen in fünf Ländern. Die Antworten sind unspektakulär, aber gerade das macht sie interessant.
Es gibt nicht "die eine Hürde"
Wer erwartet hatte, dass ein einzelner Grund heraussticht, wird enttäuscht. Nach den Ergebnissen des NIM verteilen sich die Antworten in Deutschland auf ein ganzes Bündel von Alltagshindernissen. Am häufigsten genannt wurden:
– fehlende Disziplin mit 32 Prozent,
– zu hohe Kosten mit 26 Prozent,
– die Priorisierung von Lebensgenuss mit ebenfalls 26 Prozent und
– Zeitmangel mit 22 Prozent.
Direkt danach folgen Gründe, die eine eigene Betrachtung verdienen:
– 22 Prozent gaben an, ihnen fehle das Wissen darüber, was wirklich wirkt.
– Ebenfalls 22 Prozent nannten geringes Vertrauen in Trends und Anbieter.
– Weitere 18 Prozent zweifeln an der Wirkung entsprechender Maßnahmen.
Hinweis zur Lesart. In dieser Frage waren bis zu drei Antworten erlaubt. Die Prozentwerte ergeben deshalb zusammen mehr als 100 Prozent.
Im Ländervergleich verschieben sich die Schwerpunkte. In Japan wird fehlendes Wissen deutlich häufiger genannt, in den USA spielen Datenschutzbedenken eine größere Rolle.
Zwei Hürden, die nichts mit Willenskraft zu tun haben
Fehlende Disziplin und Zeitmangel sind vertraute Erklärungen. Fehlendes Wissen und fehlendes Vertrauen sind es nicht. Zusammengenommen weisen sie auf ein Informations- und Vertrauensproblem hin, und ein solches Problem lässt sich nicht durch mehr Anstrengung lösen.
Wie groß diese Lücke sein kann, zeigt sich besonders am Beispiel Bewegung. Nach Angaben des NIM sagen 59 Prozent der Befragten in Deutschland, sie trieben regelmäßig Sport. Das Robert Koch Institut (RKI) misst dagegen nicht, ob Menschen sich für ausreichend aktiv halten, sondern ob sie eine konkrete Empfehlung erfüllen. Nach den Daten des RKI erreichten 26,3 Prozent der Erwachsenen in Deutschland die Bewegungsempfehlung, die aus zwei Teilen besteht. 48,0 Prozent erfüllten den Ausdauerteil, 36,3 Prozent den Kräftigungsteil. Das Fazit des Instituts fällt entsprechend deutlich aus. Drei Viertel der Erwachsenen in Deutschland erreichen die Empfehlung nicht.
Die beiden Zahlen stammen aus verschiedenen Erhebungen mit unterschiedlichen Fragen und unterschiedlichen Erhebungsjahren. Sie lassen sich deshalb nicht direkt gegenüberstellen. Sie zeigen aber, wie weit ein "persönliches regelmäßig" von einem "definierten Kriterium" entfernt liegen kann.
Was die Bewegungsempfehlung genau verlangt
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen folgende Mindestumfänge körperlicher Aktivität:
- Ausdaueraktivität. Mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche mit mittlerer Intensität oder 75 bis 150 Minuten mit hoher Intensität, beziehungsweise eine entsprechende Kombination aus beidem. Mittlere Intensität bedeutet, dass Atmung und Puls spürbar ansteigen, ein Gespräch aber noch möglich ist. Zügiges Gehen, Radfahren im Alltag oder Gartenarbeit zählen mit.
- Muskelkräftigung. An mindestens zwei Tagen pro Woche Übungen, die gezielt Muskulatur aufbauen oder kräftigen. Dazu zählen Krafttraining an Geräten ebenso wie Übungen mit dem eigenen Körpergewicht oder mit einem Übungsband.
Wer regelmäßig läuft, aber keine Muskelkräftigung einplant, erfüllt damit nur einen der beiden Bestandteile der Bewegungsempfehlung. Genau darin liegt der Unterschied zwischen dem Gefühl, genug zu tun und einem überprüfbaren Kriterium.
Die Studie im Detail
Aufbau. Das NIM befragte vom 13. bis 19. Mai 2026 insgesamt 5.000 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren in Deutschland, Frankreich, Schweden, Japan und den USA, jeweils 1.000 Personen pro Land. Die Stichproben sind nach Angaben des Instituts repräsentativ für die Wohnbevölkerung dieser Altersgruppe. Erhoben wurde über ein Online-Panel mit zehn Fragen. Die Auswahl der Länder folgt einer Logik. Die USA gelten als Ursprung des Trends, Frankreich und Schweden dienen als Vergleich mit anderer kultureller Haltung zu Prävention, Japan als alternde und technisch aufgeschlossene Gesellschaft.
Ergebnis. Das Institut kommt zu dem Schluss, dass Longevity derzeit kein breit verankerter gesellschaftlicher Trend ist, sondern ein Thema mit begrenzter Alltagsrelevanz, zugleich aber mit Zukunftspotenzial insbesondere bei jüngeren Menschen.
Grenzen. Diese Studie ist eine Befragung und keine Messung. Sie erfasst, was Menschen über sich sagen, nicht was sie tun. Sie erfasst Einstellungen und Absichten, und eine geäußerte Offenheit gegenüber einem Angebot ist etwas anderes als dessen Nutzung. Sie ist eine Momentaufnahme aus einer einzigen Woche im Mai 2026. Und sie trifft keinerlei Aussage darüber, ob irgendeine der genannten Maßnahmen wirkt. Wer aus dem Interesse an einem Angebot auf dessen Nutzen schließt, liest die Studie falsch.
Transparenz. Erhoben wurden die Daten über das Panel NIQ eBUS International. NIQ steht für NielsenIQ, ein Marktforschungsunternehmen, mit dem die GfK zusammengeführt wurde und an dem das Nürnberg Institut für Marktentscheidungen beteiligt ist. Das Institut gibt an, seine Forschung als Nonprofit Organisation aus eigenen Mitteln zu finanzieren.
Offene Fragen und widersprüchliche Befunde
Die Ergebnisse sind an mehreren Stellen nicht widerspruchsfrei, und das gehört zum Bild dazu.
Nach den Daten des NIM ist eine Mehrheit der Befragten überzeugt, ein langes gesundes Leben hänge vor allem von der eigenen Lebensführung ab. Gleichzeitig geben 53 Prozent der Deutschen an, sie wollten vor allem im Hier und Jetzt leben und sich möglichst wenig einschränken, während sich 22 Prozent als sehr diszipliniert und verzichtsbereit beschreiben. Überzeugung und Verhaltensabsicht laufen also auseinander. Das Warum beantwortet die Befragung nicht.
Diese Gegenüberstellung macht eine weitere Spannung sichtbar: Gesundheit und Lebensqualität müssen im Alltag keine Gegensätze sein. Wer über gesundes Altern spricht, sollte deshalb nicht nur Disziplin und Verzicht betrachten, sondern auch die Frage, wie gesundheitsförderliche Routinen realistisch in den Alltag passen.
Die Befragung zeigt zudem, wofür zusätzliche gesunde Lebensjahre für viele Menschen besonders bedeutsam wären: vor allem für Freizeit, Reisen sowie Zeit mit Familie und Freunden. Arbeit, Weiterbildung oder ehrenamtliches Engagement spielen eine deutlich geringere Rolle. Auch das spricht dafür, Longevity nicht allein als Frage zusätzlicher Lebensjahre zu betrachten, sondern vor allem als Frage der Healthspan, also der möglichst lange erhaltenen gesunden, aktiven und selbstbestimmten Lebenszeit.
Auch die Hürden selbst bleiben interpretationsbedürftig. Ob die genannten Gründe die tatsächlichen sind, lässt sich aus einer Befragung nicht ableiten. Der Satz „Mir fehlt Disziplin“ ist gesellschaftlich leichter auszusprechen als der Satz „Ich habe keinen bezahlbaren Zugang“. Ebenso bleibt offen, wie die von 26 Prozent genannte Kostenhürde damit zusammenhängt, dass manche gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen keine kostenpflichtigen Angebote voraussetzen.
Ein Befund des Robert Koch Instituts weist in dieselbe Richtung. Von den Personen mit niedrigem Bildungsstatus erreichten 16,4 Prozent die Bewegungsempfehlung, in der hohen Bildungsgruppe waren es 33,2 Prozent. Auch der Altersverlauf ist ausgeprägt. Bei den 18 bis 29-Jährigen erreichten 43,4 Prozent beide Empfehlungen, bei den ab 80-Jährigen noch 10,2 Prozent. Ob dahinter Disziplin, Zugang oder Gesundheitszustand stehen, klärt keine der beiden Quellen.
Hinzu kommt eine methodische Gemeinsamkeit: Beide Datenquellen beruhen auf Selbstangaben und bilden das tatsächliche Verhalten deshalb nur mittelbar ab. Das RKI weist zudem darauf hin, dass bestimmte Gruppen in solchen Erhebungen unterrepräsentiert sind, etwa Personen mit niedrigem Bildungsstatus oder mit gesundheitlichen Einschränkungen.
Was die Institutionen empfehlen
An dieser Stelle wird es bemerkenswert, weil zwei ganz unterschiedliche Quellen zum selben Punkt kommen.
Das RKI hält in seinem Fazit fest, dass Maßnahmen zur Bewegungsförderung dringend nötig sind und einen verhältnispräventiven Ansatz enthalten sollten. Verhältnisprävention meint, die Umstände zu verändern statt nur an das Verhalten des Einzelnen zu appellieren. Genannt werden attraktive und niedrigschwellig zugängliche Grünflächen und Sportanlagen in der Wohngegend sowie gut ausgebaute Geh- und Radwege. Besonders erreicht werden sollten nach Auffassung des Instituts ältere Menschen und Personen der niedrigen Bildungsgruppe.
Die Befragten des NIM wünschen sich genau das. Auf die Frage, wie Politik und Gesellschaft unterstützen sollten, steht in Deutschland die Förderung von Sportangeboten, Parks und Radwegen mit 34 Prozent an erster Stelle, gefolgt vom Ausbau von Präventionsangeboten mit 33 Prozent und von Aufklärung über die Faktoren eines gesunden langen Lebens mit 32 Prozent. Verbote und zusätzliche Steuern finden geringere Zustimmung. Nur 10 Prozent meinen, Staat und Gesellschaft sollten sich heraushalten.
Eine fachliche Empfehlung und ein Bevölkerungswunsch treffen sich also an derselben Stelle. Das kommt selten vor.
Was sich daraus für den eigenen Alltag ablesen lässt
Wer prüfen möchte, wo er selbst steht, kann sich an die beiden Bestandteile der Bewegungsempfehlung halten. Kommen in einer gewöhnlichen Woche mindestens 150 Minuten zusammen, in denen Atmung und Puls spürbar erhöht sind? Und gibt es an mindestens zwei Tagen etwas, das die Muskulatur fordert? Diese zwei Fragen sind konkreter als jede Selbsteinschätzung.
Was Bewegung im Zusammenhang mit einer langen gesunden Lebensspanne leisten kann, haben wir ausführlich im Hauptartikel Bewegung und Longevity zusammengetragen. Wie Schlaf, Ernährung und psychisches Wohlbefinden damit zusammenhängen, finden Sie in den Beiträgen Longevity und Schlaf, Longevity und Ernährung sowie Longevity und psychisches Wohlbefinden.
Und noch ein Gedanke zum Schluss. Wenn 22 Prozent der Menschen sagen, ihnen fehle das Wissen darüber, was wirklich wirkt, und weitere 22 Prozent den Anbietern nicht vertrauen, dann ist das kein Nebenbefund. Es ist eine Beschreibung dessen, was in einem Feld voller Versprechen fehlt. Nämlich verlässliche, nachvollziehbare und unabhängige Information.
Wann ärztlicher Rat sinnvoll sein kann
Bei Beschwerden unter Belastung, gesundheitlichen Einschränkungen oder Unsicherheit über die individuell geeignete Belastung kann eine ärztliche Beratung sinnvoll sein.
Angaben zum Beitrag
Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Basis der genannten Quellen erstellt. Er dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Er gibt Befragungsergebnisse und Empfehlungen benannter Institutionen wieder und trifft keine eigene Aussage über Wirksamkeit oder Nutzen einzelner Angebote.
Redaktionelle Verantwortung: Michael Altewischer, Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
Stand der letzten Aktualisierung, 30.08.2026.