Gender Data Gap

  • 30. Mai 2026
  • Verfasst von: Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
  • Allgemein

Frauen in der medizinischen Forschung

Viele der medizinischen Erkenntnisse, auf denen heutige Behandlungsstandards beruhen, wurden in Studien gewonnen, in denen Frauen unterrepräsentiert waren. Das ist kein pauschaler Vorwurf, sondern eine historische Tatsache mit konkreten Konsequenzen für die Versorgung von Frauen heute.

Gleichzeitig gibt es nachvollziehbare Gründe, warum diese Entwicklung so verlaufen ist. Sie haben mit Schutzgedanken, wissenschaftlicher Komplexität und regulatorischen Reaktionen auf reale Schicksale zu tun. Ein ausgewogenes Bild erfordert, beides zu verstehen: die Gründe für die Forschungslücke und ihre Konsequenzen.

Die Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. (DLGeV) gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung, die historischen Hintergründe und die Veränderungen, die sich in der medizinischen Wissenschaft gerade vollziehen.

Wie es dazu kam: die historischen Gründe

Die systematische Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien hat eine konkrete Vorgeschichte. In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren wurde in Europa ein Schlafmittel unter dem Handelsnamen Contergan auf den Markt gebracht. Der Wirkstoff Thalidomid wurde auch schwangeren Frauen empfohlen, unter anderem gegen Schwangerschaftsübelkeit. Was damals nicht bekannt war: Thalidomid kann in der Frühschwangerschaft die Entwicklung des ungeborenen Kindes schwer schädigen. Weltweit kamen mehr als 10.000 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt.

Dass Thalidomid in den USA nicht zugelassen wurde, ist wesentlich Frances Kelsey zu verdanken, Gutachterin der amerikanischen Arzneimittelbhörde FDA. Sie hielt die vorliegenden Sicherheitsdaten für unzureichend und verweigerte trotz erheblichen Drucks die Zulassung. Später wurde sie dafür von Präsident John F. Kennedy ausgezeichnet.

In Europa fehlten damals vergleichbar strenge Zulassungsstandards. Eine europäische Arzneimittelbehörde, wie wir sie heute in Form der EMA kennen, existierte noch nicht. Medikamente konnten in vielen Ländern mit deutlich weniger Prüfaufwand zugelassen werden.

Die Contergan-Tragödie wurde zum Ausgangspunkt für strengere Arzneimittelgesetze weltweit und veränderte die Regulierungspraxis grundlegend. 1977 empfahl die FDA, Frauen im gebärfähigen Alter aus frühen Phasen klinischer Studien auszuschließen. Diese Empfehlung folgte einem nachvollziehbaren Schutzgedanken, wurde von Studiensponsoren jedoch oft sehr weit ausgelegt. Im Ergebnis wurden nicht nur schwangere Frauen, sondern Frauen insgesamt aus Teilen der klinischen Forschung herausgehalten, oft ohne klar zu unterscheiden, ob ein Ausschluss im Einzelfall sachlich begründet war.

Zusätzlich galt der männliche Körper lange als wissenschaftliche Standardreferenz. Hormonschwankungen im weiblichen Zyklus wurden vielfach als Störgröße betrachtet. Aus damaliger Sicht erschien der Ausschluss deshalb nicht als Benachteiligung, sondern als methodische Vereinfachung. Rückblickend zeigt sich jedoch: Diese Vereinfachung hatte einen Preis:

Die Unterrepräsentation von Frauen in der medizinischen Forschung war kein einfacher Willkürentschluss, sondern das Ergebnis historischer Schutzgedanken, regulatorischer Reaktionen und methodischer Überlegungen, die sich mit der Zeit als zu pauschal erwiesen haben. – Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.


Was zeigt die Datenlage heute

Seit dem US-amerikanischen NIH Revitalization Act von 1993, der die Einbeziehung von Frauen in öffentlich geförderte Studien vorschrieb, hat sich die Repräsentation verbessert. Dennoch bestehen in bestimmten Bereichen nach wie vor deutliche Lücken.

Eine Analyse von 33 großen randomisierten Herzinsuffizienz-Studien mit insgesamt knapp 105.000 Teilnehmenden ergab: Nur 23,2 Prozent der Studienteilnehmenden waren Frauen, obwohl Herzinsuffizienz Frauen in ähnlichem Ausmaß betrifft wie Männer. [1] (DOI: 10.1016/j.jacadv.2023.100786) Der sogenannte Participation-Prevalence-Ratio, also das Verhältnis zwischen Studienteilnahme und tatsächlicher Krankheitslast, lag bei 0,58. Ein Wert unter 0,8 gilt als Zeichen signifikanter Unterrepräsentation.

Auch in der COVID-19-Pandemieforschung zeigte sich das Problem erneut. Obwohl es früh Hinweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede im Krankheitsverlauf gab, verweist ein Kommentar in der Fachzeitschrift Nature darauf, dass nur ein kleiner Teil klinischer Studien gezielt auf die Rekrutierung von Frauen ausgerichtet war. [2] (Singh & Swarup, 2025, DOI: 10.1038/d44151-025-00036-y)

Ein weiterer, weniger diskutierter Aspekt betrifft die Studienleitung. Eine Analyse von 10.708 klinischen Studien [3] (Morgan K.M. et al., JAMA Network Open, 2025, DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2025.37675) ergab: Nur 29,2 Prozent der Studien wurden von einer Frau als Hauptforscherin geleitet. In diesen Studien lag der Frauenanteil unter den Teilnehmenden bei 54,1 Prozent, in von Männern geleiteten Studien bei 46,9 Prozent. Wer Studien entwirft, beeinflusst also auch, wer in ihnen vorkommt.

Welche Konsequenzen hat das

Die Frage, ob medizinisches Wissen aus männlichen Studien übertragbar auf Frauen ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. In vielen Bereichen sind die Ergebnisse übertragbar. In anderen bestehen relevante Unterschiede.

Medikamentenstoffwechsel: Frauen haben im Schnitt ein geringeres Körpergewicht, einen höheren Körperfettanteil und eine andere Nieren- und Leberfunktion als Männer. Das beeinflusst, wie Medikamente im Körper verteilt, abgebaut und ausgeschieden werden. Frauen erleiden nachweislich häufiger unerwartete Nebenwirkungen als Männer, was unter anderem damit zusammenhängt, dass Dosierungen häufig an männlichen Referenzwerten orientiert sind.

Krankheitsbilder: Wie im ersten Artikel dieser Reihe beschrieben, verlaufen bestimmte Erkrankungen bei Frauen anders als bei Männern. Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen häufig mit untypischen Symptomen. Demenz betrifft Frauen häufiger und verläuft teils anders. Autoimmunerkrankungen werden bei Frauen später diagnostiziert. Wenn die Forschungsgrundlage schmal ist, ist die Diagnosequalität es auch.

Schwangerschaft und Stillzeit: Das ist der Bereich, in dem die Datenlage am dünnsten ist. Weniger als 0,5 Prozent laufender klinischer Studien untersuchen Wirkstoffe speziell während der Schwangerschaft. Das bedeutet: Frauen, die in der Schwangerschaft auf Medikamente angewiesen sind, erhalten diese häufig auf Basis von Nachmarkt-Beobachtungsdaten, nicht auf Basis gezielter Studien. Auch das ist eine Folge der Thalidomid-geprägten Schutzreflex, der über Jahrzehnte zu einem undifferenzierten Ausschluss beitrug.

Valide Gegenargumente: Was für den bisherigen Ansatz spricht

Eine ausgewogene Betrachtung erfordert, auch die Argumente auf der anderen Seite ernst zu nehmen.

Der Schutz von Frauen im gebärfähigen Alter vor unbekannten Risiken ist kein triviales Anliegen. Der Thalidomid-Schaden war real und gravierend. Die regulatorische Reaktion darauf war verständlich, auch wenn sie im Rückblick zu pauschal angewendet wurde.

Auch hormonelle Schwankungen durch Zyklus, hormonelle Verhütung und Wechseljahre erhöhen tatsächlich die Komplexität der Studienplanung. Wer Frauen in einer Studie untersucht, muss berücksichtigen, in welcher hormonellen Situation sie sich befinden. Das kann beeinflussen, wie ein Medikament wirkt, wie es verstoffwechselt wird und wie Nebenwirkungen auftreten. In der Fachsprache spricht man von Stratifizierung. Sie erfordert größere Teilnehmergruppen, differenziertere Auswertungen und mehr finanzielle Mittel. Für kleine Studienbudgets ist das eine reale Hürde.

Hinzu kommt: Frauen nehmen an klinischen Studien teilweise seltener teil als Männer. Gründe dafür können Betreuungspflichten, geringere zeitliche Flexibilität, fehlende Aufwandsentschädigung und mangelndes Vertrauen in die Forschung sein. Das ist ein strukturelles Problem, das sich nicht allein durch veränderte Einschlusskriterien lösen lässt.

Und schließlich ist die Lücke nicht überall gleich groß. In einigen Bereichen, etwa bei Bluthochdruck und Vorhofflimmern, ist die Repräsentation von Frauen in Studien bereits angemessener. Eine pauschale Kritik würde die Fortschritte der vergangenen drei Jahrzehnte ignorieren.

Was sich gerade verändert

Die Forschungslandschaft ist in Bewegung. 2025 veröffentlichte die FDA aktualisierte Leitlinien zur Reduzierung der Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien für Medikamente und Medizinprodukte. Die Europäische Kommission kündigte im März 2025 eine neue Strategie für Frauengesundheit an. Mehrere Forschungsinstitutionen haben eigene Programme zur geschlechtersensiblen Medizin etabliert.

Gleichzeitig gibt es in der Wissenschaft wachsende Erkenntnis, dass die bisherige Strategie, männliche Erkenntnisse auf Frauen zu übertragen, in bestimmten Bereichen zu Sicherheits- und Wirksamkeitsproblemen geführt hat. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine methodische Korrektur.

Häufige Fragen und was die Forschung antwortet

Reagieren Frauen grundsätzlich anders auf Medikamente als Männer?

Nicht grundsätzlich, aber in bestimmten Bereichen messbar. Unterschiede in Stoffwechsel, Körperkomposition und Hormonstatus können die Pharmakokinetik, also die Frage, wie der Körper ein Medikament aufnimmt, verteilt, abbaut und ausscheidet, beeinflussen. Das bedeutet: Wie schnell ein Medikament wirkt, wie lange es im Körper bleibt und welche Nebenwirkungen auftreten können, hängt auch vom biologischen Geschlecht ab.

Sind Standardmedikamente für Frauen gefährlicher als für Männer?

Gefährlicher ist die falsche Formulierung. Aber Frauen erleiden nachweislich häufiger unerwartete Nebenwirkungen. Das liegt nicht zwingend am Medikament selbst, sondern oft an Dosierungen, die nicht an weiblicher Physiologie entwickelt wurden. Mehr Forschung bedeutet in diesem Fall mehr Sicherheit für alle.

Hat sich die Situation verbessert?

Ja, deutlich seit den 1990er Jahren. In vielen Bereichen sind Frauen heute angemessen repräsentiert. Die verbleibenden Lücken konzentrieren sich auf bestimmte Krankheitsbilder, auf Schwangerschaft und Stillzeit sowie auf ältere Frauen, die in Studien nach wie vor häufig unterrepräsentiert sind.

Was kann ich als Patientin konkret tun?

Informiert nachfragen. Wer weiß, dass bestimmte Dosierungen oder Diagnosestandards ursprünglich an männlichen Referenzwerten entwickelt wurden, kann im ärztlichen Gespräch gezielter fragen: Gibt es Hinweise, dass dieser Wirkstoff bei Frauen anders wirkt? Gibt es eine frauenspezifische Dosierungsempfehlung? Solche Fragen können helfen, das Gespräch zu präzisieren und gemeinsam besser informierte Entscheidungen zu treffen.

Gilt das auch für Präventionsempfehlungen, Laborwerte und Supplementierung?

Zum Teil. Viele Ernährungsstudien, Bewegungsempfehlungen und Biomarkernormen basieren ebenfalls überwiegend Studienpopulationen, in denen Männer stärker vertreten waren. Deshalb ist die Frage, ob bestimmte Laborwerte, Dosierungen oder Empfehlungen für Frauen und Männer gleichermaßen gelten, in der präventivmedizinischen Forschung weiterhin relevant. Das bedeutet nicht, dass bestehende Empfehlungen falsch sind. Es bedeutet, dass sie künftig präziser werden können.

Was das für Longevity bedeutet

Longevity setzt auf evidenzbasierte Prävention. Das setzt voraus, dass die zugrunde liegende Evidenz tatsächlich für die Menschen gilt, die von ihr profitieren sollen. Je mehr die Forschung die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen berücksichtigt, desto präziser können Empfehlungen zu Prävention, Lebensstil und Diagnostik werden.

Der erste Artikel dieser Reihe hat gezeigt, dass der Gender Health Gap real ist und dass ein Teil davon auf diagnostische und medizinische Strukturen zurückzuführen ist. Dieser Beitrag erläutert einen wichtigen Hintergrund dafür: Die Wissensbasis, auf der diese Strukturen beruhen, ist nicht für alle gleich stark.

Das ist keine Katastrophe, sondern ein Arbeitsprogramm. Die Medizin verändert sich in diesem Bereich erkennbar. Für Frauen, die ihre Gesundheit aktiv gestalten möchten, ist informiertes Nachfragen heute wichtiger als je zuvor.

Auch die vier Longevity-Säulen sind von dieser Frage berührt. Empfehlungen zu Schlaf, Bewegung, Ernährung und psychischem Wohlbefinden werden zunehmend mit Blick auf geschlechterspezifische Unterschiede untersucht. 

Zum Artikel Gender Health Gap: Frauen leben länger aber leben sie auch länger gesund?

Redaktioneller Hinweis

Dieser Artikel wurde von der Redaktion der Deutschen Longevity Gesellschaft e.V. auf Basis aktueller wissenschaftlicher Literatur erstellt. Er dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.

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