Andropause
zwischen Mythos und medizinischer Realität
Kaum ein Begriff sorgt in der Männergesundheit für so viel Verwirrung wie die Andropause. Viele Männer ab Mitte vierzig spüren weniger Energie, eine schwächere Lust oder eine schlechtere Grundstimmung und fragen sich, ob sie gerade in eine Art männliche Wechseljahre geraten. Die Antwort der Wissenschaft fällt differenzierter aus, als viele vermuten. Eine echte Andropause im Sinne einer abrupten hormonellen Umstellung wie bei der weiblichen Menopause gibt es nicht. Trotzdem ist der Testosteronrückgang im Alter real, gut erforscht und für die Longevity von Männern von großer Bedeutung. Die DLGeV ordnet ein, was im Körper passiert, was aktuelle Studien zeigen und was Männer konkret für ihre Healthspan tun können.
Andropause: Warum der Begriff in die Irre führt
Bei Frauen endet die Menopause den Zyklus vollständig. Der Vorrat an Eizellen geht zur Neige, die Östrogenproduktion sinkt stark und dauerhaft, und dieser Einschnitt lässt sich zeitlich klar einordnen. Beim Mann läuft der Prozess völlig anders ab. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie bezeichnet die Vorstellung einer echten männlichen Wechseljahresphase ausdrücklich als Mythos. Gesunde Männer produzieren bis ins hohe Alter Testosteron, nur eben tendenziell etwas weniger und in einem sehr individuellen Tempo. Manche Männer haben mit siebzig noch Werte wie mit vierzig, andere zeigen bereits ab fünfzig einen spürbaren Rückgang.
Fachlich präziser ist deshalb der Begriff altersbedingter Testosteronmangel oder Late Onset Hypogonadismus. Nur bei etwa drei bis fünf Prozent der Männer über sechzig liegt tatsächlich ein medizinisch relevanter Mangel vor, der Beschwerden verursacht und behandelt werden sollte. Bei den meisten anderen bleibt der Testosteronspiegel im normalen Bereich, auch wenn er mit den Jahren leicht sinkt.
Was die Forschung über Testosteron und Lebenserwartung zeigt
Wie eng ein niedriger Testosteronspiegel tatsächlich mit dem Sterberisiko zusammenhängt, hat ein internationales Forschungsteam um Bu Yeap in einer großen Metaanalyse untersucht. Die im Fachjournal Annals of Internal Medicine veröffentlichte Arbeit fasst individuelle Teilnehmerdaten aus elf Studien mit mehr als 24.000 Männern zusammen und verfolgte deren Gesundheit über mindestens fünf Jahre [1] (Yeap et al., 2024).
Das Ergebnis ist eindeutig, aber richtig einzuordnen. Männer mit Testosteronwerten unter 7,4 Nanomol pro Liter hatten ein deutlich höheres Risiko, in dieser Zeit an einer beliebigen Ursache zu sterben, insbesondere an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Werten unter 5,3 Nanomol pro Liter war das kardiovaskuläre Risiko sogar noch stärker erhöht. Wichtig für das Verständnis ist die richtige Interpretation dieser Zahlen. Es geht nicht darum, dass mehr Testosteron automatisch ein längeres Leben bedeutet. Die Daten zeigen vielmehr, dass ein klinisch niedriger Wert ein ernstzunehmendes Warnsignal für den gesamten Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System sein kann.
Testosteron und biologisches Alter – ein messbarer Zusammenhang
Eine zweite aktuelle Studie liefert einen weiteren wichtigen Baustein. Ein Forschungsteam hat den Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel und biologischem Alter bei Männern aus China, den USA und Großbritannien untersucht und dabei die sogenannte Klemera Doubal Methode genutzt, ein etabliertes Verfahren zur Berechnung des biologischen Alters anhand mehrerer Gesundheitsmarker [2] (eClinicalMedicine).
Die Untersuchung zeigt, dass ein höherer Gesamttestosteronspiegel mit einer geringeren Beschleunigung des biologischen Alters einhergeht. Anders gesagt, ein stabiler Hormonhaushalt kann sich in günstigeren biologischen Altersmarkern widerspiegeln, gemessen an biologischen Markern statt am Geburtsdatum. Da es sich um eine Querschnittsstudie handelt, lässt sich daraus kein direkter Ursache Wirkung Beweis ableiten. Die Ergebnisse passen aber gut zu dem, was die Longevity Forschung insgesamt zeigt. Der Hormonhaushalt ist ein Baustein von vielen, der beeinflusst, wie schnell der Körper altert, und er lässt sich über den Lebensstil aktiv mitgestalten.
Echte Symptome ernst nehmen, ohne sie zu dramatisieren
Ein sinkender Testosteronspiegel kann sich auf ganz unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Dazu gehören weniger Energie und Antrieb, eine nachlassende Libido, ein langsamerer Muskelaufbau bei gleichzeitig zunehmendem Körperfett, eine gedrückte Stimmung bis hin zu depressiven Verstimmungen sowie Konzentrationsprobleme. Wichtig ist, diese Beschwerden nicht vorschnell allein dem Hormonhaushalt zuzuschreiben. Schlafmangel, eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder ein metabolisches Syndrom können sehr ähnliche Symptome auslösen und sollten immer mit abgeklärt werden.
Ob tatsächlich ein behandlungsbedürftiger Testosteronmangel vorliegt, lässt sich nur durch eine Blutuntersuchung feststellen, die im Idealfall morgens erfolgt, da der Testosteronspiegel im Tagesverlauf schwankt. Ein einzelner niedriger Wert reicht dabei nicht aus. Fachgesellschaften empfehlen eine zweite Messung zur Bestätigung, bevor eine Diagnose gestellt wird.
Was Männer selbst beeinflussen können
Die gute Nachricht der aktuellen Forschung lautet, dass der Testosteronspiegel keineswegs nur dem Alter überlassen ist. Die vier Säulen der Longevity können hier sinnvoll zusammenspielen.
Bewegung
Regelmäßiges Krafttraining zählt zu den wirksamsten natürlichen Wegen, den körpereigenen Testosteronspiegel zu unterstützen und gleichzeitig Muskelmasse zu erhalten, die mit dem Alter sonst schleichend verloren geht. Mehr zum Zusammenhang von Bewegung und Longevity findet sich in unserem Hauptartikel.
Schlaf
Ein großer Teil der täglichen Testosteronproduktion findet nachts während der Tiefschlafphasen statt. Wer chronisch zu wenig oder zu unruhig schläft, bremst diesen Prozess spürbar aus. Wie erholsamer Schlaf die Regeneration unterstützt, erklären wir ausführlich in unserem Schlaf Hauptartikel.
Ernährung
Vor allem viszerales Bauchfett wandelt Testosteron in Östrogen um und verstärkt damit den Hormonrückgang zusätzlich. Eine ausgewogene Ernährung, die Insulinresistenz vorbeugt und das Körpergewicht im gesunden Bereich hält, wirkt diesem Kreislauf entgegen. Details dazu liefert unser Hauptartikel zur Ernährung.
Psychisches Wohlbefinden
Chronischer Stress hält den Cortisolspiegel dauerhaft hoch, und ein hoher Cortisolspiegel unterdrückt wiederum die Testosteronproduktion. Stressmanagement ist deshalb kein weiches Wellnessthema, es kann auch für den Hormonhaushalt relevant sein. Mehr dazu in unserem Hauptartikel zum psychischen Wohlbefinden.
Wann eine Hormonersatztherapie infrage kommt
Eine Testosteronersatztherapie wird heute nur empfohlen, wenn typische Beschwerden und wiederholt zu niedrige morgendliche Testosteronwerte vorliegen. [3] (Salonia A, et al. European Association of Urology). Sie ist kein Lifestyle-Mittel gegen normale Alterserscheinungen. Die langfristige kardiovaskuläre Sicherheit einer solchen Therapie wird in der Forschung weiterhin diskutiert. Eine Studie zeigte bei Männern mit nachgewiesenem Hypogonadismus kein erhöhtes Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse unter Testosteronersatz gegenüber Placebo. [4] (Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P, et al.). Gleichzeitig bleibt die Therapie eine ärztliche Individualentscheidung. Wer über eine Behandlung nachdenkt, sollte diese Abwägung ausschließlich gemeinsam mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Endokrinologie oder Urologie treffen.
Häufige Fragen zur Andropause
Gibt es die Andropause wirklich?
Als plötzlicher hormoneller Einschnitt wie bei der weiblichen Menopause existiert sie nicht. Ein schleichender, individuell unterschiedlicher Testosteronrückgang mit dem Alter ist dagegen real und gut belegt.
Ab welchem Alter sinkt der Testosteronspiegel?
Bei vielen Männern beginnt ein messbarer Rückgang etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr, allerdings mit sehr großen individuellen Unterschieden im Tempo und Ausmaß.
Wie unterscheidet sich der Testosteronrückgang beim Mann von den Wechseljahren der Frau?
Der wichtigste Unterschied liegt im zeitlichen Verlauf. Bei Frauen endet die Hormonproduktion in einem klar abgrenzbaren Zeitraum, beim Mann sinkt sie über Jahrzehnte hinweg graduell. Welche gesundheitlichen Folgen der weibliche Hormonwandel hat, lesen Sie in unseren Beiträgen zu den Wechseljahren und zum Gender Health Gap im Longevity Blog.
Welche Testosteron-Werte gelten als niedrig?
Als grober Orientierungswert aus der aktuellen Forschung gilt ein Gesamttestosteron unter 7,4 Nanomol pro Liter als Risikobereich für die Sterblichkeit, unter 5,3 Nanomol pro Liter insbesondere für das Herz Kreislauf System. Die endgültige Einordnung sollte immer ärztlich erfolgen.
Hilft Testosteron als Nahrungsergänzung?
Frei verkäufliche Präparate können den Hormonspiegel nicht in relevantem Maß erhöhen. Ein wirksamer Ausgleich gelingt am ehesten über Krafttraining, ausreichend Schlaf, ein gesundes Körpergewicht und Stressreduktion, bei einem nachgewiesenen Mangel gegebenenfalls ergänzt durch eine ärztlich begleitete Therapie.
Fazit
Die Andropause als exaktes männliches Gegenstück zur Menopause gibt es nicht, das haben die Fachgesellschaften eindeutig klargestellt. Was es aber gibt, ist ein langsamer, individuell unterschiedlicher Testosteronrückgang, der laut aktueller Forschung eng mit der Sterblichkeit, dem Herz Kreislauf Risiko und dem biologischen Alterungstempo zusammenhängt. Für die Longevity von Männern bedeutet das vor allem eines: Bewegung, Schlaf, Ernährung und psychisches Wohlbefinden sind keine austauschbaren Wellnessthemen, sondern gehören zu den vier wichtigsten Faktoren, um den Hormonhaushalt über Jahrzehnte hinweg stabil zu halten.
Hinweis
Dieser Beitrag dient der wissenschaftlichen Einordnung und allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Anhaltende Beschwerden wie Müdigkeit, Libidoverlust, depressive Verstimmungen oder andere gesundheitliche Veränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Entscheidungen über Diagnostik oder eine mögliche Testosteronersatztherapie sollten stets gemeinsam mit einer qualifizierten Ärztin oder einem qualifizierten Arzt getroffen werden.
Quellen
[1] Yeap, B. B., Marriott, R. J., Dwivedi, G. et al. (2024). Associations of Testosterone and Related Hormones With All Cause and Cardiovascular Mortality and Incident Cardiovascular Disease in Men. Annals of Internal Medicine. doi.org/10.7326/M23-2781
[2] Weichao H., Deng L., Wen Q. et al. (2025). Dynamics of Serum Testosterone and Biological Aging in Men. Insights from Chinese, American, and British Populations. eClinicalMedicine. doi.org/10.1016/j.eclinm.2025.103178
[3] Salonia A, Capogrosso P., Boeri L., et al. European Association of Urology Guidelines on Male Sexual and Reproductive Health: 2025 Update on Male Hypogonadism, Erectile Dysfunction, Premature Ejaculation, and Peyronie's Disease. European Urology. 2025;88(1):76–102. DOI: 10.1016/j.eururo.2025.04.010
European Association of Urology (EAU). EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health – Male Hypogonadism.Arnhem, The Netherlands: EAU Guidelines Office; Version 2026 (bzw. 2025, je nach verwendeter Version). Verfügbar unter: https://uroweb.org/guidelines/sexual-and-reproductive-health
[4] Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P, et al. Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. N Engl J Med. 2023;389(2):107–117. doi:10.1056/NEJMoa2215025