- 11. Juli 2026
- Ernährung
Was wäre, wenn der Griff in die Snackschublade nicht Energie raubt, sondern gibt? Longevity-Experte Dr. Gerd Wirtz zeigt, mit welcher einfachen Formel aus drei Bausteinen jeder Snack zum kleinen Kraftpaket wird.
Deutschland steht vor einer politischen Weichenstellung. Foodwatch fordert ein Gesetz, Gesundheitsministerin Nina Warken hat sich offen für eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke gezeigt, und CSU-Chef Markus Söder lehnt eine Zuckersteuer nicht mehr grundlegend ab vorausgesetzt, die Einnahmen fließen in die gesetzliche Krankenversicherung. Die Debatte, die seit Jahren in Deutschland köchelt, gewinnt im Frühjahr 2026 wieder spürbar an Fahrt.
Doch während Politiker, Verbände und die Lebensmittelindustrie über Steuersätze und Schwellenwerte streiten, bleibt eine entscheidende Frage meist unbeantwortet: Was macht Zucker eigentlich biologisch mit unserem Körper – jenseits von Kalorien und Gewicht?
Die Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. (DLGeV) ordnet ein, was die Wissenschaft dazu weiß. Und warum eine Steuer / Abgabe zwar sinnvoll sein kann, aber allein nicht das Problem löst.
Die meisten Menschen verbinden Zucker vor allem mit Kalorien und Gewichtszunahme. Das ist nicht falsch, aber es greift zu kurz. Zucker wirkt im Körper nicht nur über Energiezufuhr. Er beeinflusst zentrale Stoffwechsel-Prozesse, die langfristig Gesundheit und Alterungsprozesse mitprägen:
• Insulin- und Stoffwechselregulation
• Entzündungsprozesse
• Fettstoffwechsel
• Glykierung von Proteinen
Diese Mechanismen wirken zusammen. Kein einzelner erklärt das gesamte Bild, aber gemeinsam zeigen sie, warum dauerhaft hoher Zuckerkonsum problematisch ist.
Bei der Glykierung reagieren Zuckermoleküle ohne enzymatische Steuerung mit Eiweißen. Es entstehen sogenannte AGEs (Advanced Glycation Endproducts).
Diese können die Funktion von Gewebe und Zellen beeinträchtigen, etwa durch geringere Elastizität von Gefäßen oder Veränderungen von Kollagen.
Wichtig: Glykierung ist ein relevanter Mechanismus, aber nicht der einzige Weg, über den Zucker die Gesundheit beeinflusst.
Besonders relevant für das Thema Longevity: AGEs häufen sich mit zunehmenden Alter natürlich an und ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum steht mit einer Beschleunigung in Zusammenhang. Sie fördern chronische Entzündungen im Körper, beeinträchtigen die Nierenfunktion, erhöhen das Herzerkrankungsrisiko und werden mit neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung gebracht. [1]
Die politische Diskussion konzentriert sich auf zuckerhaltige Getränke und das aus gutem Grund. Softdrinks, Energydrinks und süße Eistees enthalten große Mengen Fructose und Glucose in flüssiger Form. Anders als feste Nahrung aktivieren Getränke kein starkes Sättigungsgefühl, da man zwar große Mengen Zucker zu sich nimmt, allerdings ohne das Hungergefühl entsprechend zu dämpfen.
Eine aktuelle Studie im Fachjournal The Journal of Nutrition [2] untersuchte in der britischen UK Biobank, wie Zucker aus verschiedenen Quellen mit Sterblichkeit und Herzerkrankungen zusammenhängt. Das Ergebnis war eindeutig. Zugesetzter Zucker, also Zucker der industriell in Lebensmittel und Getränke eingebracht wird, war deutlich stärker mit erhöhtem Sterblichkeitsrisiko assoziiert als natürlich vorkommender Zucker etwa in Obst. Besonders Fructose aus verarbeiteten Quellen zeigte dabei den stärksten Zusammenhang.
Das ist kein Zufall. Fructose wird in der Leber anders verarbeitet als Glucose und kann bei dauerhaft hohem Konsum Fettsäuren in der Leber anreichern, Insulinresistenz begünstigen und die AGE-Bildung besonders stark ankurbeln.
Großbritannien hat mit dem Soft Drinks Industry Levy (SDIL) seit 2018 wertvolle Erfahrungen gesammelt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Der Zuckergehalt der betroffenen Getränke sank zwischen 2015 und 2024 um fast 50 Prozent. Nicht weil Verbraucher weniger kauften, sondern weil Hersteller ihre Rezepturen änderten, um der Steuer zu entgehen. Die Abgabe war darauf ausgelegt, Hersteller zur Änderung ihrer Rezepturen zu bewegen. Genau das hat funktioniert.
Eine Modellierungsstudie im Fachjournal PLOS Medicine [3] errechnete für die ersten zehn Jahre nach Einführung des britischen Modells jährlich rund 64.100 weniger übergewichtige Kinder sowie 3.600 weniger Fälle von Karies. Bei Mädchen im Alter von 10 bis 11 Jahren war ein messbarer Rückgang der Adipositas nachweisbar.
Gleichzeitig ist Kritik berechtigt: In Großbritannien sind die Adipositasraten bei Kindern insgesamt weiterhin hoch. Eine Steuer allein, ohne ergänzende Maßnahmen wie Werbebeschränkungen für Kinder, gezielte Ernährungsbildung und eine verbesserte Lebensmittelkennzeichnung, löst das Strukturproblem nicht. Die Steuer ist ein wirksames Instrument – aber kein Allheilmittel.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, den Konsum freier Zucker auf unter fünf Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen. Bei einer durchschnittlichen Erwachsenen entspricht das etwa 25 Gramm oder sechs Teelöffeln pro Tag. Tatsächlich konsumieren die meisten Deutschen ein Vielfaches davon, oft ohne es zu bemerken, weil Zucker in vielen verarbeiteten Lebensmitteln versteckt ist.
Besonders trickreich: Die Industrie arbeitet mit über 50 verschiedenen Bezeichnungen für Zucker auf Zutatenlisten. Glucosesirup, Maltodextrin, Dextrose, Invertzucker oder Agavendicksaft sind allesamt Zucker in verschiedenen Formen. Wer auf die Zutatenliste schaut und nur nach dem Wort „Zucker“ sucht, übersieht vieles.
Aus Healthspan-Perspektive ist die Botschaft klar. Es geht nicht um den gelegentlichen Genuss von zuckerhaltigen Lebensmitteln oder Getränken, sondern um den dauerhaften täglichen Grundkonsum. Glykierung ist ein kumulativer Prozess, das heißt, er häuft sich über Jahre und Jahrzehnte auf. Wer mit 40 beginnt, den Zuckerkonsum bewusst zu reduzieren, bremst diesen Prozess aktiv.
Es gibt keine Blutuntersuchung, die direkt „zu viel Zucker“ anzeigt. Aber es gibt Marker, die Hinweise geben:
• Nüchternblutzucker: Ein erhöhter Wert deutet auf eine beeinträchtigte Insulinreaktion hin.
• HbA1c-Wert: Dieser sogenannte Langzeitzuckerwert spiegelt den durchschnittlichen Blutzucker der vergangenen zwei bis drei Monate wider und gilt als eine der aussagekräftigsten Messgrößen für den langfristigen Zuckerkonsum.
• Triglyceride: Dauerhaft erhöhte Blutfettwerte können auf einen zu hohen Fructosekonsum hinweisen.
Alle drei Standardwerte gehören zum normalen Blutbild und können beim nächsten Arzttermin mitbestimmt werden.
• AGE-Messungen: In spezialisierten Präventivmedizin-Praxen ist es inzwischen möglich, AGE-Ablagerungen in der Haut nicht-invasiv zu messen. Die Aussagekraft dieser Messungen im klinischen Alltag ist derzeit jedoch noch begrenzt.
Fruchtzucker im ganzen Obst ist kein Problem. Er ist an Ballaststoffe gebunden, die die Aufnahme verlangsamen. Industriell zugesetzter Fructose-Glukose-Sirup in Getränken und Fertigprodukten ist eine andere Sache: Er wird konzentriert und schnell aufgenommen, ohne den Sättigungseffekt, den Obst bietet.
Die Forschungslage ist hier differenziert. Süßungsmittel lösen keine Glykierung aus und liefern keine Kalorien. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass sie das Darmmikrobiom verändern und das Verlangen nach Süßem langfristig aufrechterhalten können. Als Übergangslösung zur Zuckerreduktion sind sie vertretbar. Als dauerhafter Ersatz sollten sie jedoch kritisch betrachtet werden.
Nein. Es geht um den dauerhaften Grundkonsum, nicht um gelegentlichen Genuss. Ein Stück Kuchen zum Geburtstag ist kein Problem. Eine Cola täglich über dreißig Jahre hingegen schon.
Alkohol wird im Körper ähnlich wie Fructose metabolisiert und belastet die Leber auf vergleichbare Weise. Viele alkoholische Getränke enthalten darüber hinaus große Mengen Zucker, allen voran Cocktails, Süßweine und Fertigmixgetränke.
Zum Teil. Regelmäßige Bewegung verbessert die Insulinsensitivität, was bedeutet, dass der Körper Zucker effizienter verarbeiten kann. AGEs, die einmal entstanden sind, lassen sich nicht rückgängig machen. Bewegung kann ihre Entstehung verlangsamen. Dauerhaft hohen Zuckerkonsum ausgleichen kann sie allerdings nicht.
Die Zuckersteuer ist politisch betrachtet sinnvoll. Als strukturelle Maßnahme setzt sie Herstellern Anreize, ihre Rezepturen zuckerarm umzugestalten. Eine Erklärung dafür, was Zucker biologisch anrichtet, liefert sie nicht. Diese Erklärungen sind aus DLGeV-Sicht wichtig, damit Menschen eigene Entscheidungen treffen können.
Zucker ist ein relevanter Faktor für Gesundheit und Alterungsprozesse – er wirkt jedoch immer im Kontext des gesamten Lebensstils. Er steht in Wechselwirkung mit Bewegung, Schlaf, Ernährung und psychischem Wohlbefinden. Eine Reduktion von Zucker entfaltet ihre Wirkung besonders dann, wenn sie Teil eines insgesamt gesundheitsfördernden Lebensstils ist.
Dieser Artikel wurde von der Redaktion der Deutschen Longevity Gesellschaft e.V. auf Basis aktueller wissenschaftlicher Literatur erstellt. Er dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.
[2] Ziwei Chi, Wenmin Zhu et al. 2024 Intake of Added Sugar from Different Sources and Risk of All-Cause Mortality and Cardiovascular Diseases. The Journal of Nutrition. 2024. DOI: 10.1016/j.tjnut.2024.09.017
[3] Cobiac LJ, Rogers NT, Adams J, et al. Impact of the UK soft drinks industry levy on health and health inequalities in children and adolescents in England. PLOS Medicine. 2024;21(4):e1004371. DOI: 10.1371/journal.pmed.1004371
Was wäre, wenn der Griff in die Snackschublade nicht Energie raubt, sondern gibt? Longevity-Experte Dr. Gerd Wirtz zeigt, mit welcher einfachen Formel aus drei Bausteinen jeder Snack zum kleinen Kraftpaket wird.
Vitamin D stärkt Knochen, Muskeln und das Immunsystem – und könnte sogar die Lebenserwartung verlängern. Studien zeigen: Eine regelmäßige Supplementierung kann das Sterberisiko bei Krebspatient:innen senken, ohne dass bei normaler Dosierung gesundheitliche Risiken entstehen. Wichtig: Nicht zu viel nehmen – die richtige Balance zählt.
👉 Erfahre, warum Vitamin D für Longevity so wichtig ist und welche Dosierung sicher ist.
0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht – diese Faustregel kennen viele. Was die wenigsten wissen: Sie gilt für junge Erwachsene, nicht für Menschen ab 60. Dabei beginnt der schleichende Muskelabbau bereits mit 40. Was aktuelle Forschung zum Proteinbedarf im Alter zeigt und was das konkret für den Alltag bedeutet.