Prävention in Deutschland
- 27. September 2026
- Verfasst von: Michael Altewischer | Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
- Allgemein
Kosten als Hürde – obwohl vieles Kassenleistung ist
In einer internationalen Befragung des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen (NIM) nannten 26 Prozent der Deutschen zu hohe Kosten als Grund, nicht mehr für ein langes gesundes Leben zu tun. Das war die zweithäufigste Antwort. Wir haben diese Befragung in unserem Beitrag Longevity zwischen Wunsch und Alltag ausführlich vorgestellt.
Diese Antwort wirft eine naheliegende Frage auf. Was kostet Prävention in Deutschland eigentlich, und wer trägt die Kosten? Die Antwort besteht aus drei Teilen, die zusammen ein überraschendes Bild ergeben. Ein erheblicher Teil der Vorsorge wird von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Gleichzeitig zahlen Versicherte erhebliche Summen für zusätzliche Leistungen selbst, obwohl deren Nutzen je nach Angebot unterschiedlich gut belegt ist. Und selbst zu einer der bekanntesten Kassenleistungen gibt es eine offene wissenschaftliche Debatte.
Diese Leistungen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung
Der Gesundheits-Check-up
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums haben gesetzlich Versicherte zwischen 18 und 34 Jahren einmalig Anspruch auf eine ärztliche Gesundheitsuntersuchung, ab 35 Jahren alle drei Jahre. Die Inhalte legt der Gemeinsame Bundesausschuss fest, das oberste Beschlussgremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen.
Ab 35 Jahren gehören laut Gemeinsamem Bundesausschuss eine Urinuntersuchung sowie die Bestimmung von Blutzucker und Cholesterinwerten dazu. Bei jüngeren Versicherten werden Laborwerte nur bei entsprechenden Risikofaktoren erhoben. An die Untersuchung schließt sich eine Beratung an, die auch mögliche Veränderungen im eigenen Verhalten umfasst. Ab 35 Jahren kann zudem einmalig ein Test auf Hepatitis B und C erfolgen. Außerdem empfiehlt das Ministerium Erwachsenen, den eigenen Impfschutz regelmäßig prüfen zu lassen.
Früherkennung von Krebs und anderen Erkrankungen
Zu drei Früherkennungsuntersuchungen laden die Krankenkassen oder eigens dafür eingerichtete Stellen schriftlich ein, zur Früherkennung von Darmkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Brustkrebs. Seit April 2026 wird zudem die Früherkennung von Lungenkrebs mit einer Niedrigdosis-Computertomographie für starke aktive und ehemalige Raucherinnen und Raucher als Kassenleistung angeboten. Männer ab 65 Jahren können einmalig eine Ultraschalluntersuchung der Bauchschlagader in Anspruch nehmen. Welche Untersuchungen im Einzelfall infrage kommen, hängt von Alter, Geschlecht und Risikoprofil ab.
Früherkennung soll eine Krankheit entdecken, die bereits besteht, aber noch keine Beschwerden macht. Fachleute sprechen von Sekundärprävention. Primärprävention setzt früher an und soll verhindern, dass eine Krankheit überhaupt entsteht.
Präventionskurse
Für die Primärprävention gibt es eine eigene Leistung. Gesetzlich Versicherte können zertifizierte Kurse besuchen, deren Kosten die Krankenkasse ganz oder teilweise übernimmt. Rechtsgrundlage ist Paragraf 20 des Fünften Sozialgesetzbuchs. Geprüft und zertifiziert werden diese Kurse von der Zentralen Prüfstelle Prävention nach den Kriterien des Leitfadens Prävention des GKV-Spitzenverbands.
Die Kurse sind vier Handlungsfeldern zugeordnet, nämlich Bewegungsgewohnheiten, Ernährung, Stress- und Ressourcenmanagement sowie Suchtmittelkonsum. Drei davon entsprechen direkt den Säulen, die wir in unseren Hauptartikeln zu Bewegung, Ernährung und psychisches Wohlbefinden behandeln. Schlaf bildet kein eigenes Handlungsfeld.
Die Förderung ist auf maximal zwei Kurse pro Versicherten und Kalenderjahr begrenzt. Wie hoch der Zuschuss ausfällt, hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab. Eine ärztliche Überweisung ist nicht nötig. In der Kursdatenbank der Zentralen Prüfstelle lassen sich zertifizierte Angebote in der Nähe oder online finden.
Was Versicherte selbst bezahlen
Neben den Kassenleistungen bieten viele Arztpraxen sogenannte Individuelle Gesundheits-Leistungen an, kurz IGeL. Das sind Untersuchungen und Behandlungen, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören und privat bezahlt werden.
Nach dem IGeL-Report 2024 des Medizinischen Dienstes Bund geben gesetzlich Versicherte dafür jedes Jahr mindestens 2,4 Milliarden Euro aus. Am meisten entfällt auf die Augenheilkunde mit 544 Millionen Euro, die Gynäkologie mit 543 Millionen Euro und die Orthopädie mit 397 Millionen Euro.
Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes Bund bewertet zahlreiche Selbstzahlerleistungen wissenschaftlich. Die große Mehrzahl der bewerteten Leistungen wird als unklar, tendenziell negativ oder negativ eingeordnet. Der Medizinische Dienst Bund fordert zudem verpflichtende unabhängige Informationen zu IGeL in den Praxen sowie eine Bedenkzeit, damit Leistungen nicht am selben Tag erbracht werden, an dem sie angeboten werden.
Wie sich solche Angebote in den größeren Longevity-Markt einfügen, haben wir im Beitrag Longevity braucht den weiten Blick eingeordnet.
Der IGeL-Monitor wird vom Medizinischen Dienst Bund betrieben. Dieser ist seit 2022 als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert und organisatorisch vom GKV-Spitzenverband getrennt.
Was allgemeine Gesundheitschecks bewirken
Zum Nutzen allgemeiner Gesundheitschecks liegt eine umfassende internationale Auswertung vor.
Aufbau. Die Cochrane Collaboration, ein internationales Netzwerk, das Studien systematisch zusammenfasst, hat 2019 alle verfügbaren randomisierten Studien zu allgemeinen Gesundheitschecks ausgewertet. Randomisiert bedeutet, dass per Zufall entschieden wurde, wer zu einem Check eingeladen wird und wer nicht. Durch die zufällige Zuordnung lassen sich Wirkungen einer Intervention besonders gut von anderen Einflussfaktoren unterscheiden. Ausgewertet wurden 17 Studien, 15 davon mit verwertbaren Ergebnissen und zusammen 251.891 Teilnehmenden. Allein zur Sterblichkeit lagen elf Studien mit 233.298 Teilnehmenden und 21.535 Todesfällen vor.
Ergebnis. Am Ende zählten die Forschenden in beiden Gruppen nahezu gleich viele Todesfälle. Ob Menschen zu einem Gesundheitscheck eingeladen wurden oder nicht, machte für die Gesamtsterblichkeit keinen erkennbaren Unterschied. Dies gilt auch für die Sterblichkeitsrate bei Krebs. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt sich dasselbe Bild, dort ist die Datenlage allerdings etwas weniger eindeutig. Ihr Fazit lautet, dass systematische Einladungen zu Gesundheitschecks wahrscheinlich keinen Nutzen bringen und zu unnötigen Untersuchungen und Behandlungen führen können.
Die Autoren geben zu jeder Aussage an, wie sicher sie ist. Bei der Gesamtsterblichkeit und der Krebssterblichkeit stufen sie die Sicherheit als hoch ein, bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen als mäßig. Hoch bedeutet in dieser Systematik, dass weitere Studien das Ergebnis voraussichtlich nicht mehr wesentlich verändern würden.
Grenzen. Die Übersicht bewertet allgemeine Gesundheitschecks als Gesamtpaket, das Menschen ohne Beschwerden angeboten wird. Sie trifft keine Aussage über gezielte Früherkennungsprogramme für einzelne Erkrankungen wie Darmkrebs, die gesondert bewertet werden. Sie trifft auch keine Aussage darüber, ob ein Check für eine bestimmte Person mit bekannten Risiken sinnvoll ist. Und die untersuchten Checks stammen aus verschiedenen Ländern, sodass sie nicht in allen Einzelheiten dem deutschen Check-up entsprechen.
Frühere Übersichten hatten gezeigt, dass Gesundheitschecks Werte wie Blutdruck und Cholesterin beeinflussen können. Solche Messwerte nennt die Forschung Surrogatparameter, also Ersatzgrößen. Ein besserer Laborwert bedeutet aber nicht automatisch weniger Erkrankungen oder ein längeres Leben. Genau deshalb hat sich die Cochrane-Übersicht auf Erkrankungen und Sterblichkeit konzentriert.
Offene Fragen im deutschen Kontext
Auch das IQWiG sieht Prüfbedarf. Der Check-up ist seit 1989 Teil des Leistungskatalogs. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, hat ihn 2024 im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums untersucht. Klaus Koch, der Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation, hielt dabei fest, dass auch in Deutschland eine Überprüfung der Inhalte sinnvoll sei und die Untersuchung in eine dauerhafte Evaluation eingebunden werden sollte, die auch ihre gesundheitlichen Auswirkungen erfasst. Die Frage nach dem Nutzen ist also auch aus Sicht der deutschen Institutionen nicht abschließend geklärt.
Risikogruppen nutzen das Angebot seltener. Nach der Analyse des IQWiG nehmen etwa 77 Prozent der 50-jährigen Männer und 85 Prozent der 50-jährigen Frauen mindestens einmal innerhalb von zehn Jahren am Check-up teil. Genutzt wird er aber vor allem von Menschen, die ohnehin häufig in Arztpraxen sind. Gruppen mit höheren Gesundheitsrisiken nutzen ihn seltener, darunter Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status und Menschen, die ihre Gesundheit als mittelmäßig oder schlecht einschätzen.
Dieser Befund knüpft an unseren Beitrag Gesund altern an, in dem es um die Frage ging, wie ungleich die Voraussetzungen für ein langes gesundes Leben verteilt sind.
Woher die Kostenhürde kommt, bleibt offen. Ein Viertel der Befragten nennt Kosten als Hürde, obwohl viele Vorsorge- und Präventionsleistungen von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden. Ob dahinter echte Ausgaben stehen, Erfahrungen mit Selbstzahlerangeboten oder schlicht fehlendes Wissen über die eigenen Ansprüche, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen.
Was die Institutionen empfehlen
Das IQWiG betont, dass eine informierte Entscheidung über die Teilnahme zweierlei voraussetzt. Man muss das Angebot kennen, und man muss seine möglichen Vor- und Nachteile kennen. Dafür brauche es verständliche, unverzerrte und am Bedarf orientierte Informationen. Für Gruppen, die den Check-up bislang seltener nutzen, sollte nach Auffassung des Instituts ein eigenes Informationsangebot geschaffen werden.
Für Selbstzahler-Leistungen fordert der Medizinische Dienst Bund, dass Praxen unabhängige, wissenschaftsbasierte Bewertungen regelhaft bereithalten.
Was sich daraus praktisch ergibt
- Welche Untersuchungen die Kasse trägt, erläutern das Bundesgesundheitsministerium und der Gemeinsame Bundesausschuss in ihren Versicherteninformationen.
- Vor- und Nachteile von Früherkennung beschreibt das IQWiG auf gesundheitsinformation.de. Die Seite gibt nach eigenen Angaben keine Ratschläge, was man tun sollte, sondern stellt Vor- und Nachteile neutral dar.
- Bewertungen von Selbstzahlerleistungen bietet der IGeL-Monitor.
- Zertifizierte Präventionskurse verzeichnet die Kursdatenbank der Zentralen Prüfstelle Prävention. Die Höhe des Zuschusses erfragen Sie bei Ihrer Krankenkasse.
Den Gedanken, Gesundheit zu erhalten, bevor überhaupt Risikofaktoren entstehen, haben wir im Beitrag Ultraprävention vorgestellt. Wie eng Hören und kognitive Gesundheit zusammenhängen, zeigt unser Beitrag Wenn das Hören nachlässt. Was guter Schlaf für die gesunde Lebensspanne bedeutet, obwohl er kein eigenes Handlungsfeld der Präventionskurse ist, lesen Sie in unserem Hauptartikel.
Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist
Welche Früherkennungsuntersuchungen im Einzelfall infrage kommen, hängt von Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und familiärer Belastung ab. Bei individuellen Fragen kann die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle sein. Bei angebotenen Selbstzahlerleistungen kann nach dem belegten Nutzen und möglichen Nachteilen gefragt und die Entscheidung in Ruhe getroffen werden. Wer bereits Beschwerden hat, sollte nicht auf den nächsten Vorsorgetermin warten, sondern einen regulären Arzttermin vereinbaren.
Quellen
1. Krogsbøll, L. T., Jørgensen, K. J., und Gøtzsche, P. C. (2019) General health checks in adults for reducing morbidity and mortality from disease. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD009009. https://doi.org/10.1002/14651858.CD009009.pub3
2. Cochrane. Allgemeinverständliche Zusammenfassung der Übersicht https://www.cochrane.org/evidence/CD009009_general-health-checks-reducing-illness-and-mortality
3. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2024) Check-Up für den Check-Up. Pressemitteilung zum Rapid Report über die allgemeine Gesundheitsuntersuchung. https://www.iqwig.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailseite_118720.html
4. Bundesministerium für Gesundheit Früherkennung von Krankheiten. Stand 3. September 2026. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenversicherung/online-ratgeber-krankenversicherung/medizinische-versorgung-und-leistungen-der-krankenversicherung/frueherkennung
5. Bundesministerium für Gesundheit Gesundheits-Check-up. Stand 8. September 2026. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/checkup
6. Gemeinsamer Bundesausschuss Gesundheitsuntersuchungen. https://www.g-ba.de/themen/methodenbewertung/erwachsene/gesundheitsuntersuchungen/
7. Zentrale Prüfstelle Prävention https://www.zentrale-pruefstelle-praevention.de/
8. Medizinischer Dienst Bund (2025) IGeL können mehr schaden als nützen. Pressemitteilung vom 19. August 2025. https://www.medizinischerdienst.de/aktuelles-presse/meldungen/artikel/igel-koennen-mehr-schaden-als-nuetzen-aufklaerung-ueber-schadensrisiko-unzureichend
9. IQWiG. gesundheitsinformation.de https://www.gesundheitsinformation.de/das-iqwig-und-das-iqtig.html
10. Buder, F., und Biró, T. (2026) Longevity zwischen Anspruch und Alltag. NIMpulse 23. Nürnberg Institut für Marktentscheidungen e. V. https://www.nim.org/studien/detail/longevity-zwischen-anspruch-und-alltag
Angaben zum Beitrag
Redaktionelle Verantwortung, Michael Altewischer | Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. – Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Basis der genannten Quellen erstellt und hat keine fachliche Einzelprüfung durchlaufen. Stand der letzten Aktualisierung, 27.09.2026. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Leistungsansprüche und Zuschüsse können sich ändern. Verbindlich sind die Angaben Ihrer Krankenkasse.