Lange Arbeitszeiten und Gesundheit

  • 7. November 2026
  • Verfasst von: Michael Altewischer I Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
  • Allgemein

Was aktuelle Studien zeigen

Wenn es um gesundes Altern geht, richtet sich der Blick meist auf Ernährung, Bewegung, Schlaf und psychisches Wohlbefinden. Arbeitsbedingungen kommen deutlich seltener vor. Dabei verbringen viele Menschen über Jahrzehnte einen erheblichen Teil ihres Alltags bei der Arbeit – und entscheiden nicht immer selbst, wie lange und zu welchen Zeiten sie arbeiten.

Was sehr lange Arbeitszeiten für die Gesundheit bedeuten, ist inzwischen in zahlreichen Beobachtungsstudien untersucht. Die Ergebnisse sind allerdings differenzierter, als manche Schlagzeile vermuten lässt.

Eine Übersicht über sieben Kohortenstudien

Ein Team um Xinyi Shen hat im Juni 2026 in der Zeitschrift iScience sieben Langzeitstudien ausgewertet, mit Stichproben zwischen 4.051 und rund 11,9 Millionen Menschen aus China, Nordirland, Dänemark, Italien, Korea, den Vereinigten Staaten und einer Untersuchung über vier Länder hinweg. Als lange Arbeitszeit galt üblicherweise eine Woche von 55 Stunden und mehr.

Für die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen kamen die Autoren auf ein Risikoverhältnis von 1,57 mit einem Vertrauensbereich von 1,18 bis 2,09. Die eingeschlossenen Studien wichen dabei nicht voneinander ab. Für die Gesamtsterblichkeit lag der Wert bei 1,20 mit einem Vertrauensbereich von 0,85 bis 1,70 und war damit statistisch nicht gesichert.

Der Vertrauensbereich, fachlich Konfidenzintervall, gibt an, in welchem Bereich der wahre Wert mit großer Wahrscheinlichkeit liegt. Schließt er die Zahl 1 ein, dann ist auch kein Unterschied mit den Daten vereinbar. Das Ergebnis gilt dann als statistisch nicht gesichert. Es bedeutet nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt, sondern dass die Daten ihn nicht belegen.

Die Autoren weisen selbst auf die Schwäche ihrer Arbeit hin. Hinter der Schätzung zur Herz-Kreislauf-Sterblichkeit stehen nur zwei Studien. Für die Sterblichkeit durch Suizid und durch Unfälle stützt sich die Übersicht sogar auf eine einzige koreanische Untersuchung, weshalb sich daraus nach ihrer eigenen Einschätzung noch nichts ableiten lässt.

Eine amerikanische Kohorte über 26 Jahre

Yiran Gu und Kollegen haben 2025 in der Zeitschrift Preventive Medicine Daten der Studie Midlife in the United States ausgewertet. Begleitet wurden 4.051 Erwerbstätige, die zu Beginn weder einen Herzinfarkt noch einen Schlaganfall erlitten hatten. Die Nachbeobachtung begann Mitte der 1990er Jahre und reichte bis zum Frühjahr 2021, also über rund 26 Jahre.

Bei 55 Wochenstunden und mehr zeigte sich gegenüber 35 bis 40 Stunden ein statistisch erhöhtes Risiko für einen Herz-Kreislauf-Tod. Die Hazard Ratio lag bei 1,50

Eine japanische Kohorte von 2026

Im Februar 2026 erschien im Journal of Preventive Medicine and Public Health eine Auswertung der Jichi Medical School Cohort Study. Begleitet wurden 6.670 Beschäftigte über durchschnittlich zwölf Jahre. Wer elf Stunden und mehr pro Tag arbeitete, hatte ein Risikoverhältnis von 2,92 für eine koronare Herzkrankheit, mit einem Vertrauensbereich von 1,15 bis 7,39.

Bemerkenswert daran ist zweierlei. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Autoren die psychische Arbeitsbelastung statistisch berücksichtigt hatten. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Arbeitszeit selbst die Ursache war.

Welche Rolle spielt die soziale Lage

Die amerikanische Auswertung hat noch etwas anderes gezeigt. Das erhöhte Risiko verteilte sich nicht gleichmäßig. Menschen mit niedrigerer Bildung oder schlechterer finanzieller Lage waren stärker betroffen.

Das ist deshalb bedeutsam, weil derselbe Gedanke zuvor jahrelang umstritten war. Mika Kivimäki und Kollegen hatten 2020 in einer Erwiderung auf die Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation darauf hingewiesen, dass sich in Berufen mit hohem sozioökonomischem Status gar kein Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und Herzkrankheit nachweisen lässt. Eine dänische Untersuchung, die Reiner Rugulies 2024 zusammengefasst hat, fand ebenfalls insgesamt keinen Anstieg, wohl aber ein erhöhtes Risiko bei Beschäftigten in niedriger beruflicher Stellung.

Eine Beobachtung aus mehreren Ländern, die unabhängig voneinander in dieselbe Richtung zeigt, ist noch kein Beweis.

Warum die Zusammenhänge je nach sozialer und beruflicher Lage unterschiedlich ausfallen, ist noch nicht geklärt. Rugulies nennt unter anderem als offene Frage, welche Tätigkeiten während langer Arbeitszeiten ausgeübt werden und wie viel Einfluss Beschäftigte auf Aufgaben und Zeiteinteilung haben.

Die biologische Seite der Frage, wie soziale Lage im Körper ankommt, behandelt unser Beitrag Wie soziale Benachteiligung das Altern beeinflusst.

Wie ist die Frage überhaupt entstanden

Im Zentrum der aktuellen Diskussion steht eine einfache Frage. Im Mai 2021 legten die Weltgesundheitsorganisation und die Internationale Arbeitsorganisation gemeinsame Schätzungen zur arbeitsbedingten Krankheitslast vor, erarbeitet von einem Team um Frank Pega. Grundlage waren zwei systematische Übersichtsarbeiten mit 37 beziehungsweise 22 Studien und zusammen mehr als 1,6 Millionen Teilnehmenden.

Daraus errechneten die Autoren 745.000 Todesfälle für das Jahr 2016, davon 398.000 durch Schlaganfall und 347.000 durch Herzkrankheit. 72 Prozent der Betroffenen waren Männer. Die WHO bezeichnete lange Arbeitszeiten daraufhin als den arbeitsbedingten Risikofaktor mit der größten Krankheitslast.

Diese Zahl hat Widerspruch ausgelöst. Kivimäki und Kollegen hielten dem entgegen, dass der Zusammenhang mit der Herzkrankheit in den methodisch besseren Studien statistisch nicht nachweisbar war und vor allem in den schwächeren auftrat. Rugulies, der selbst an den WHO Schätzungen mitgearbeitet hat, ordnete die Lage 2024 so ein, dass die Zahl auf Annahmen beruht, darunter die Annahme einer ursächlichen Wirkung.

Für den Schlaganfall war die Lage von Anfang an klarer. Die bis heute größte Metaanalyse dazu stammt aus dem Jahr 2015 und wurde ebenfalls von Kivimäki geleitet, mit 528.908 Menschen in der Schlaganfallauswertung. Sie zeigt ein Muster, bei dem das Risiko mit der Stundenzahl steigt.


Vergleich mit 35 bis 40 Wochenstunden
Schlaganfall
Vertrauensbereich
41 bis 48 Stunden
1,100,94 bis 1,28
49 bis 54 Stunden
1,271,03 bis 1,56
55 Stunden und mehr
1,331,11 bis 1,61

Der Anstieg über die Stufen hinweg war statistisch hoch gesichert. Rugulies hebt hervor, dass die Evidenz für Schlaganfall konsistenter ist als für ischämische Herzkrankheit.

Schicht- und Nachtarbeit

Neben der Länge spielt die Lage der Arbeitszeit eine Rolle. Rugulies verweist auf eine Metaanalyse von 2018, nach der je zusätzlichen fünf Jahren Schichtarbeit das Herz-Kreislauf-Risiko um 7 Prozent stieg. Für die Sterblichkeit bei Nachtarbeit lag der zusammengefasste Wert bei 1,15, gestützt allerdings auf nur vier Studien. Die deutsche Gutenberg Gesundheitsstudie kam bei Nachtarbeit auf Werte zwischen 1,14 und 1,32, deren Vertrauensbereiche die Zahl 1 einschlossen. Feste Schlüsse lassen sich daraus nach seiner Einschätzung nicht ziehen. Wie Schichtarbeit auf den Schlaf wirkt, haben wir im Hauptartikel zum Schlaf zusammengetragen.

Wie steht Deutschland im Vergleich da

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2025 lag die übliche Wochenarbeitszeit bei Vollzeiterwerbstätigen im Schnitt bei 40,2 Stunden, über alle Erwerbstätigen hinweg bei 34,2 Stunden.

Sehr lange arbeiten vergleichsweise wenige, und sehr ungleich verteilt. 49 Stunden und mehr pro Woche arbeiteten 7,1 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen, das sind rund 2,1 Millionen Menschen. Unter den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern waren es 4,1 Prozent, unter Selbstständigen ohne Beschäftigte 23 Prozent und unter Selbstständigen mit Beschäftigten 44,5 Prozent.

Bei der Arbeitszeitlage sieht es anders aus. Regelmäßig am Abend zwischen 18 und 23 Uhr arbeiteten 14,4 Prozent aller Erwerbstätigen. Regelmäßige Nachtarbeit zwischen 23 und 6 Uhr betraf 4,3 Prozent, bei Männern 5,4 Prozent und bei Frauen 3,0 Prozent.

Zur Einordnung: Die deutsche Statistik verwendet die Schwelle von 49 Wochenstunden, die internationalen Studien dagegen 55 Stunden. Beide Zahlen lassen sich deshalb nicht unmittelbar übereinanderlegen. Wie viele Menschen in Deutschland 55 Stunden und mehr arbeiten, geht aus diesen Veröffentlichungen nicht hervor.

Was das deutsche Recht bereits verlangt

Unabhängig von der Forschungsdebatte gibt es in Deutschland eine Pflicht, die vielen Beschäftigten nicht bekannt ist. Nach Paragraf 5 des Arbeitsschutzgesetzes muss jeder Arbeitgeber die Gefährdungen am Arbeitsplatz beurteilen. Seit 2013 nennt das Arbeitsschutzgesetz psychische Belastungen ausdrücklich als möglichen Gefährdungsfaktor. Nach Darstellung der Deutschen Rentenversicherung bedeutet das, dass neben den körperlichen auch die psychischen Einflussfaktoren am Arbeitsplatz erfasst und beurteilt werden müssen.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat ihr Handbuch zur Gefährdungsbeurteilung 2026 aktualisiert, mit einem eigenen Teil zu den psychischen Faktoren.

Psychische Belastung meint in der Fachsprache die Einflüsse, die von außen auf einen Menschen einwirken, etwa Zeitdruck oder häufige Unterbrechungen. Psychische Beanspruchung meint, wie der einzelne Mensch darauf reagiert. Der Begriff Belastung ist also neutral gemeint und nicht gleichbedeutend mit Überlastung.

Was das konkret bedeutet: Eine Gefährdungsbeurteilung ist kein freiwilliges Angebot des Arbeitgebers, sondern eine gesetzliche Pflicht. Wer wissen möchte, ob und wie sie im eigenen Betrieb durchgeführt wurde, kann danach fragen.

Offene Fragen

Beobachtung statt Experiment. Niemand kann Menschen per Zufall lange Arbeitszeiten zuteilen. Alle Erkenntnisse stammen deshalb aus Beobachtungsstudien, bei denen sich Ursache und Wirkung nicht vollständig trennen lassen.

Wenige Studien pro Ergebnis. Die Übersicht von 2026 stützt ihre Schätzung zur Herz-Kreislauf-Sterblichkeit auf zwei Studien. Das ist aktuell, aber schmal.

Verhalten als Ursache oder als Zwischenschritt. Rugulies benennt als ungelöst, ob Rauchen, Bewegungsmangel oder schlechter Schlaf den Zusammenhang nur vortäuschen oder ob sie der Weg sind, über den lange Arbeitszeiten tatsächlich wirken.

Die Schwelle von 55 Stunden ist eine Vereinbarung. Sie ist eine in der Forschung übliche Grenze und keine biologische. Der Übergang verläuft nach den Daten von 2015 allmählich.

Was mit den Stunden geschieht, wird kaum erfasst. Welche Tätigkeit in den langen Stunden ausgeübt wird und wie viel Einfluss jemand auf den eigenen Ablauf hat, bleibt in den meisten Studien unberücksichtigt.

Was lässt sich daraus ablesen

Der Zusammenhang zwischen sehr langen Arbeitszeiten und einzelnen Herz-Kreislauf-Endpunkten zeigt sich inzwischen in Studien aus verschiedenen Ländern. Wie groß dieser Zusammenhang ist und welche Gruppen besonders betroffen sind, bleibt Gegenstand der Forschung. Wie chronischer Stress wirkt, beschreibt unser Hauptartikel zum psychischen Wohlbefinden.

Eines lässt sich aus der Beleglage nicht herauslesen. Dass ein gesundheitsförderndes Angebot im Betrieb eine fehlende Erholungszeit ersetzt, zeigt keine der genannten Arbeiten. Warum gut gemeinte Gesundheitsangebote mitunter selbst zur Belastung werden, haben wir im Wellness Paradox beschrieben.

Wann ist ärztlicher Rat sinnvoll

Wer dauerhaft sehr lange oder nachts arbeitet und gesundheitliche Beschwerden bemerkt, kann diese ärztlich abklären lassen. Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis und, soweit vorhanden, der Betriebsarzt oder die Betriebsärztin.

Dieser Beitrag gibt Studienergebnisse wieder und erlaubt keine Einschätzung des eigenen Gesundheitszustands.

Quellen

Shen, X., Zhu, D., Xiang, Y., He, J., Wu, R., und Huang, Y. (2026). Long working hours and mortality outcomes. A systematic review with outcome-specific evidence synthesis. iScience 29(6), 116294. https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.116294

Gu, Y., Matthews, T. A., und Li, J. (2025). Long working hours and cardiovascular disease mortality. Prospective evidence from the United States. Preventive Medicine 191, 108225. https://doi.org/10.1016/j.ypmed.2025.108225

Saiki, M., Tsutsumi, A., und Li, J. (2026). Long Working Hours and Risk of Ischemic Heart Disease Among Japanese Workers. The Jichi Medical School Cohort Study. Journal of Preventive Medicine and Public Health 59(2), 211 bis 218. https://doi.org/10.3961/jpmph.25.577

Rugulies, R. (2024). Working hours and cardiovascular disease. Scandinavian Journal of Work, Environment and Health 50(3), 129 bis 133. https://doi.org/10.5271/sjweh.4156

Pega, F., Náfrádi, B., Momen, N. C. et al. (2021). Global, regional, and national burdens of ischemic heart disease and stroke attributable to exposure to long working hours for 194 countries, 2000 bis 2016. Environment International 154, 106595. https://doi.org/10.1016/j.envint.2021.106595

Weltgesundheitsorganisation und Internationale Arbeitsorganisation (2021). Pressemitteilung vom 17. Mai 2021. https://www.who.int/news/item/17-05-2021-long-working-hours-increasing-deaths-from-heart-disease-and-stroke-who-ilo

Kivimäki, M., Virtanen, M., Nyberg, S. T., und Batty, G. D. (2020). The WHO/ILO report on long working hours and ischaemic heart disease. Conclusions are not supported by the evidence. Environment International 106048. https://doi.org/10.1016/j.envint.2020.106048

Kivimäki, M., Jokela, M., Nyberg, S. T. et al. (2015). Long working hours and risk of coronary heart disease and stroke. The Lancet 386(10005), 1739 bis 1746. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(15)60295-1

Statistisches Bundesamt. Indikatoren zur Qualität der Arbeit, wöchentliche Arbeitszeit. Stand 2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Indikatoren-Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/woechentliche-arbeitszeitl.html

Statistisches Bundesamt. Indikatoren zur Qualität der Arbeit, Abend- und Nachtarbeit. Stand 2025, veröffentlicht am 23. Juli 2026. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Indikatoren-Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/abend-nachtarbeit.html

Deutsche Rentenversicherung. Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen und Betriebliches Gesundheitsmanagement. https://www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Traeger/Bund/experten/firmenservice/gefaehrdungsbeurteilung_psych_belastung

Angaben zum Beitrag

Redaktionelle Verantwortung, Michael Altewischer | Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Basis der genannten Quellen erstellt und hat keine fachliche Einzelprüfung durchlaufen. Stand der letzten Aktualisierung 07.11.2026. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Er gibt Studienergebnisse und die dazu geführte Fachdebatte wieder und spricht keine eigene Empfehlung aus.


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