Gesund altern
- 6. September 2026
- Verfasst von: Michael Altewischer Deutsche Longevity Gesellschaft e.v.
- Allgemein
Was wir beeinflussen können
Im Longevity-Umfeld stehen zwei Behauptungen nebeneinander, die sich gegenseitig ausschließen. Die eine lautet, mit der richtigen Routine ließen sich Jahrzehnte gewinnen. Die andere lautet, am Ende entschieden ohnehin die Gene. Beide Sätze sind bequem, weil der eine alles verspricht und der andere von jeder Anstrengung entbindet.
Was sagen belastbare Quellen? Die Antwort liegt zwischen den beiden Positionen, und sie ist präziser, als die Debatte vermuten lässt. Gesundes Altern ist weder reine Willensleistung noch genetisches Schicksal. Viele Risikofaktoren sind beeinflussbar. Aber ob Menschen sie tatsächlich verändern können, hängt auch von Bildung, Einkommen, Arbeit, Wohnumfeld, Zugang zu Versorgung und sozialer Unterstützung ab.
Ein großer Teil ist beeinflussbar
Den derzeit klarsten Anhaltspunkt liefert die Lancet-Kommission zu Demenz. In ihrem Bericht von 2024 benennt sie 14 beeinflussbare Risikofaktoren, die über den gesamten Lebensverlauf hinweg wirken. Dazu zählen unter anderem Bildung in jungen Jahren, Schwerhörigkeit, Bluthochdruck, erhöhtes LDL-Cholesterin, Rauchen, Bewegungsmangel, Depression, soziale Isolation, Luftverschmutzung und unbehandelter Sehverlust.
Die zentrale Zahl der Kommission lautet, dass rund 45 Prozent der Demenzfälle theoretisch vermeidbar oder verzögerbar wären, wenn alle 14 Faktoren beseitigt würden.
Was bedeutet die 45-Prozent-Zahl?
Die Zahl beschreibt keinen individuellen Effekt. Die Lancet-Kommission kommt zu dem Schluss, dass theoretisch bis zu 45 Prozent der Demenzfälle verhindert oder verzögert werden könnten, wenn die 14 beeinflussbaren Risikofaktoren auf Bevölkerungsebene vollständig beseitigt würden. In der Praxis ist dieses Szenario nicht erreichbar. Die Zahl zeigt vor allem das mögliche Potenzial von Prävention.
Warum das über Demenz hinaus interessant ist? Mehrere der genannten Faktoren, etwa Bewegung, Blutdruck, Rauchen oder soziale Isolation, begegnen uns auch in anderen Bereichen der Prävention. Die Lancet-Kommission liefert damit keinen allgemeinen Prozentwert für gesundes Altern. Sie zeigt aber beispielhaft, wie viele unterschiedliche beeinflussbare Faktoren im Verlauf eines Lebens zusammenwirken können.
Was beeinflussbar genau heißt
Beeinflussbar bedeutet in dieser Systematik, dass ein Faktor grundsätzlich veränderbar ist, im Unterschied zu Alter oder genetischer Veranlagung. Es bedeutet nicht, dass jeder Mensch ihn ohne Weiteres ändern kann. Luftverschmutzung steht auf der Liste der beeinflussbaren Faktoren, ist für die Einzelne aber kaum steuerbar. Genau an dieser Unterscheidung entscheidet sich der Rest dieses Beitrags.
Beeinflussbarkeit hat zwei Ebenen
Unser vorheriger Beitrag zu den Hürden eines langen gesunden Lebens endete mit einer offenen Frage. Menschen mit niedrigem Bildungsstatus erreichten die Bewegungsempfehlung deutlich seltener, nämlich 16,4 Prozent gegenüber 33,2 Prozent in der hohen Bildungsgruppe. Ob dahinter Disziplin, Zugang oder Gesundheitszustand steckt, ließ sich damals nicht klären.
Die deutsche Gesundheitsberichterstattung liefert dazu Zahlen, die selten in der Longevity-Debatte auftauchen und dort hingehören.
Das Robert Koch Institut führt eine Kennzahl namens Lebenserwartungslücke. Sie misst den Abstand in der mittleren Lebenserwartung zwischen den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten und den wohlhabendsten Regionen Deutschlands. Im Zeitraum 2021 bis 2023 lag dieser Abstand bei Männern bei 7,2 Jahren und bei Frauen bei 4,3 Jahren. Zwanzig Jahre zuvor waren es 5,7 und 2,6 Jahre. Der Abstand ist also gewachsen.
Eine zweite Auswertung desselben Instituts betrachtet Personen statt Regionen und kommt zu ähnlichen Größenordnungen. Auf Basis des sozioökonomischen Panels beträgt die Differenz in der mittleren Lebenserwartung zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe bei Männern 8,6 Jahre und bei Frauen 4,4 Jahre.
Diese Zahlen verschieben den Blick auf Longevity. Wer über zusätzliche gesunde Jahre spricht, darf nicht nur auf Routinen, Apps, Tests oder Nahrungsergänzung schauen. Die großen Unterschiede entstehen auch dort, wo Menschen wohnen, arbeiten, lernen, sich bewegen, versorgen und sozial eingebunden sind.
Sozioökonomische Deprivation klingt technisch und meint Benachteiligung. Für die Auswertung wird jeder Landkreis anhand von Merkmalen aus den Bereichen Bildung, Beschäftigung und Einkommen eingeordnet. Die mittlere Lebenserwartung bei Geburt ist dabei keine Vorhersage für ein einzelnes Kind, sondern eine Rechengröße für Vergleiche zwischen Gruppen und über die Zeit.
Die Auswertung im Detail
Datengrundlage. Für die Lebenserwartungslücke wurden bundesweite Daten der Todesursachenstatistik mit amtlichen Bevölkerungsdaten verknüpft, im Jahr 2023 gut eine Million Sterbefälle bei rund 83,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Sterbefallstatistik ist eine Vollerhebung mit Auskunftspflicht. Anders als bei einer Befragung beruhen diese Daten nicht auf Selbstauskünften. Damit entfällt zumindest eine Fehlerquelle, die bei Befragungsdaten berücksichtigt werden müssen.
Die entscheidende Grenze. Verglichen werden Regionen, nicht Personen. Die Auswertung besagt, dass Menschen in benachteiligten Kreisen im Durchschnitt früher sterben. Sie besagt nicht, dass eine bestimmte Person mit niedrigem Einkommen früher stirbt. Wer aus einer Aussage über Gruppen eine Aussage über Einzelne macht, begeht einen sogenannten ökologischen Fehlschluss. In wohlhabenden Kreisen leben ärmere Menschen und umgekehrt.
Und noch eine Grenze. Ein Zusammenhang ist keine Ursache. Dass benachteiligte Regionen eine niedrigere Lebenserwartung aufweisen, belegt nicht, welcher der vielen möglichen Faktoren wie stark wirkt.
Offene Fragen und widersprüchliche Befunde
Die 45 Prozent sind ein populationsbezogener Rechenwert. Er beschreibt ein theoretisches Szenario, in dem alle 14 Risikofaktoren vollständig beseitigt wären. Das ist praktisch nicht erreichbar. Zudem weist die Kommission selbst auf Unsicherheiten ihrer Schätzungen hin. Für die einzelne Person lässt sich daraus kein persönlicher Prozentwert ableiten.
Schlaf fehlt in der Liste. Die Kommission hat Schlaf diskutiert, aber nicht in ihre 14 Faktoren aufgenommen. In der wissenschaftlichen Korrespondenz zum Bericht wurde das kritisiert, unter Verweis auf Längsschnittstudien zum Zusammenhang zwischen Schlafdauer und späterem Demenzrisiko. Ein fehlender Punkt auf einer Liste bedeutet also nicht automatisch, dass ein Faktor unwichtig ist, sondern dass die Evidenz aus Sicht der Kommission noch nicht ausreichte.
Beim Trend widersprechen sich zwei Auswertungen. Die Panelanalyse bis 2016 kommt zu dem Ergebnis, die sozialen Unterschiede in der Lebenserwartung seien über 25 Jahre relativ stabil geblieben. Die regionale Auswertung bis 2023 zeigt dagegen eine wachsende Lücke. Beides kann zutreffen, weil unterschiedliche Datenquellen, Bezugsgrößen und Zeiträume betrachtet werden.
Der Anteil der Gene bleibt umstritten. Zur Frage, welcher Anteil der Lebensspanne erblich bedingt ist, kursieren sehr unterschiedliche Schätzungen, je nach Methode und Datensatz. Wir nennen hier bewusst keine Zahl, weil sich derzeit keine belastbare angeben lässt.
Was die Institutionen empfehlen
Die Lancet Kommission leitet aus ihren Befunden ab, dass Vorbeugung über den gesamten Lebensverlauf hinweg möglich ist und dass es für einen Anfang nie zu spät ist. Sie richtet ihre Empfehlungen ausdrücklich an Einzelne und an die Politik gleichermaßen.
Das Robert Koch Institut wird bei der Bewegungsförderung konkret. Maßnahmen sollten verhältnispräventiv ansetzen, also die Umstände verändern statt nur an das Verhalten des Einzelnen zu appellieren. Genannt werden gut zugängliche Grünflächen und Sportanlagen in der Wohngegend sowie ausgebaute Geh- und Radwege. Erreicht werden sollten nach Auffassung des Instituts vor allem ältere Menschen und Personen der niedrigen Bildungsgruppe.
Bemerkenswert ist, dass sich beide Ebenen decken. Was die Kommission der Einzelnen empfiehlt und was das Institut der Politik empfiehlt, zielt auf dieselben Faktoren.
Was daraus praktisch folgt
Drei Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Quellen ziehen, ohne etwas hinzuzudichten.
Für Einzelne: Bewegung, Nichtrauchen, Blutdruck, Cholesterin, Hör- und Sehvermögen, soziale Kontakte und psychische Gesundheit ernst nehmen.
Für Lebenswelten: sichere Wege, zugängliche Grünflächen, bezahlbare Präventionsangebote, verständliche Gesundheitsinformationen und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen schaffen.
Für die Longevity-Debatte: Weniger Heilsversprechen, mehr Prävention. Weniger Genetik-Fatalismus, mehr realistische Handlungsspielräume.
Wie Sie in wichtigen Bereichen des Lebensstils ansetzen können, haben wir in unseren Hauptartikeln zu Bewegung, Schlaf, Ernährung und psychischem Wohlbefinden zusammengetragen. Einige dieser Bereiche überschneiden sich mit den von der Lancet-Kommission genannten Risikofaktoren, andere ergänzen den Blick auf gesundes Altern.
Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist
Mehrere der genannten Faktoren lassen sich nicht allein einschätzen. Blutdruck und Cholesterinwerte gehören dazu, ebenso Hörvermögen und Sehvermögen, die beide auf der Liste der Kommission stehen und im Alltag leicht übersehen werden. Für deren Einordnung kann die Hausarztpraxis eine geeignete erste Anlaufstelle sein. Auch bei längerer körperlicher Inaktivität, chronischen Erkrankungen oder Unsicherheit über die geeignete Belastung kann vor Beginn eines neuen Bewegungsprogramms ärztlicher Rat sinnvoll sein.
Gesund altern beginnt nicht mit der perfekten Routine und endet nicht bei den Genen. Es beginnt mit der nüchternen Erkenntnis, dass viele Faktoren veränderbar sind, aber nicht für alle Menschen gleich leicht. Genau darin liegt die eigentliche Aufgabe moderner Prävention: Menschen nicht zu beschämen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen gesunde Entscheidungen wahrscheinlicher werden.
Quellen
Livingston, G. et al. (2024). Dementia prevention, intervention, and care. 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet 404(10452), 572 bis 628. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(24)01296-0
Robert Koch Institut RKI, Gesundheitsberichterstattung. Lebenserwartungslücke. Stand 30. Januar 2026. https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/Gesundheitszustand/Krankheitsfolgen/LebenserwartungUndTodesursachen/Lebenserwartungsluecke/lebenserwartungsluecke_node.html
Hoebel, J. et al. (2025). Die Lebenserwartungslücke. Sozioökonomische Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Deutschlands Regionen. Journal of Health Monitoring. https://doi.org/10.25646/13003
Lampert, T. et al. (2019). Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung in Deutschland. Journal of Health Monitoring 1/2019. https://doi.org/10.25646/5868
Robert Koch Institut, Gesundheitsberichterstattung. Bewegungsverhalten ab 18 Jahre. Stand 20. November 2024. https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/EinflussfaktorenAufDieGesundheit/GesundheitsUndRisikoverhalten/KoerperlicheAktivitaet/Bewegungsverhalten/bewegungsverhalten_node.html
Buder, F., und Biró, T. (2026). Longevity zwischen Anspruch und Alltag. NIMpulse 23. Nürnberg Institut für Marktentscheidungen e. V. https://www.nim.org/studien/detail/longevity-zwischen-anspruch-und-alltag
Angaben zum Beitrag
Redaktionelle Verantwortung, Michael Altewischer. Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Basis der genannten Quellen erstellt und hat keine fachliche Einzelprüfung durchlaufen. Stand der letzten Aktualisierung, 02.09.2026. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Er gibt Auswertungen und Empfehlungen benannter Institutionen wieder und erhebt keine eigene politische Forderung.