Dankbarkeit und gesundes Altern
Mehr als ein gutes Gefühl
Kann ein Gefühl wie Dankbarkeit unsere Gesundheit beeinflussen?
Auf den ersten Blick klingt das überraschend. Tatsächlich beschäftigen sich inzwischen Psychologie, Neurowissenschaften und Epidemiologie intensiv mit dieser Frage. Studien bringen Dankbarkeit unter anderem mit besserem Schlaf, geringerem Stresserleben, stärkeren sozialen Beziehungen und einer höheren Lebenszufriedenheit in Verbindung. Auch Hinweise auf Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Gesundheit und Sterblichkeit werden untersucht.
Entscheidend ist dabei: Dankbarkeit ist kein Wundermittel. Sie ersetzt weder Bewegung noch Ernährung oder medizinische Prävention. Sie könnte aber ein bislang unterschätzter Baustein gesunder Langlebigkeit sein.
Die Deutsche Longevity Gesellschaft e.V. ordnet diese Erkenntnisse wissenschaftlich ein und zeigt, welche Rolle Dankbarkeit im Kontext von Healthspan und Longevity spielen könnte.
Die Harvard-Studie: Dankbarkeit und Überleben
Im Juli 2024 veröffentlichte die Harvard T.H. Chan School of Public Health eine Studie, die in der Fachwelt erhebliche Aufmerksamkeit erregte. Das Fachjournal JAMA Psychiatry publizierte die Ergebnisse von [1] Ying Chen und Kolleginnen (DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2024.1687), die Daten aus der Nurses' Health Study auswerteten, einer der größten und am längsten laufenden Gesundheitsstudien weltweit.
49.275 ältere Frauen mit einem Durchschnittsalter von 79 Jahren füllten 2016 einen validierten Fragebogen zur Dankbarkeit aus. Vier Jahre später wurden die Sterbedaten ausgewertet. Das Ergebnis: Frauen im oberen Drittel der Dankbarkeitswerte hatten ein neun Prozent niedrigeres Risiko, in diesem Zeitraum zu sterben, als jene im unteren Drittel. Dieser Effekt blieb bestehen, auch nachdem Depressionen, Lebensstil, soziale Unterstützung und andere Faktoren herausgerechnet wurden.
Frauen mit hoher Dankbarkeit hatten in einer Harvard-Studie mit über 49.000 Teilnehmerinnen ein neun Prozent niedrigeres Sterberisiko als jene mit geringer Dankbarkeit – auch nach Kontrolle von Depressionen, Lebensstil und sozialen Faktoren. – Chen et al., JAMA Psychiatry, 2024 (DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2024.1687)
Die Forscherinnen selbst betonen, dass neun Prozent ein bedeutsamer, aber kein dramatischer Effekt ist, und dass die genauen Ursachen noch nicht vollständig verstanden sind. Die Studie ist eine Beobachtungsstudie, kein kontrolliertes Experiment. Sie kann zeigen, dass Dankbarkeit und längeres Leben zusammenhängen, aber nicht mit Sicherheit beweisen, dass Dankbarkeit die Ursache ist. Trotzdem ist sie die erste Studie ihrer Art, die diesen Zusammenhang direkt untersucht hat, und ihre Ergebnisse passen gut zur biologischen Forschungslage.
Die Studie untersuchte ausschließlich ältere Frauen. Ob sich die Ergebnisse in gleichem Maße auf Männer oder jüngere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, muss zukünftige Forschung zeigen.
Was im Gehirn passiert, wenn wir dankbar sind
Dankbarkeit ist mehr als ein angenehmes Gefühl. Bildgebende Studien zeigen, dass beim Empfinden von Dankbarkeit Hirnregionen aktiv sind, die für Aufmerksamkeit, Bewertung, soziale Beziehungen und die Regulation von Emotionen wichtig sind.
Vereinfacht gesagt legen die bisherigen Studien nahe, dass Dankbarkeit das Gehirn dabei unterstützen kann, positive Erfahrungen bewusster wahrzunehmen, soziale Beziehungen stärker zu gewichten und belastende Situationen besser einzuordnen. Welche Rolle einzelne Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin oder Oxytocin dabei genau spielen, wird weiterhin erforscht. Die Studien zeigen bislang vor allem Veränderungen der Hirnaktivität – keine einfachen "Ein-Aus-Schalter" für einzelne Neurotransmitter.
Cortisol, Entzündung und Herzgesundheit
Der biologisch bedeutsamste Mechanismus in Bezug auf Longevity ist vermutlich die Wirkung von Dankbarkeit auf das Stresssystem des Körpers. Cortisol ist das wichtigste Stresshormon. Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel schädigen das Immunsystem, fördern Entzündungen, beeinträchtigen den Schlaf und beschleunigen biologisches Altern. Genau hier vermuten Forschende einen der wichtigsten biologischen Zusammenhänge zwischen Dankbarkeit und Gesundheit.
Studien zeigen, dass regelmäßige Dankbarkeitspraxis mit niedrigeren Cortisolwerten im Ruhezustand verbunden ist. Ein möglicher Mechanismus liegt in der Stressregulation: Dankbarkeitspraktiken können dazu beitragen, Grübeln und Bedrohungswahrnehmung zu reduzieren. Dadurch könnten auch physiologische Stressmarker beeinflusst werden.
Eine systematische Übersichtsarbeit aus Studien zwischen [2] 2005 und 2023 (Wang und Song, Frontiers in Psychology, 2023, DOI: 10.3389/fpsyg.2023.1243598) untersuchte die Wirkung von Dankbarkeitsinterventionen bei Menschen mit Herzerkrankungen. Die Analyse von 19 Studien mit insgesamt 2.951 Teilnehmenden zeigte: Dankbarkeitspraktiken verbesserten nicht nur die psychische Gesundheit, sondern auch kardiovaskuläre Biomarker, darunter Herzfrequenzvariabilität, Blutdruck und Entzündungsmarker.
Herzfrequenzvariabilität, also die natürliche Schwankung des zeitlichen Abstands zwischen Herzschlägen, gilt als Maß für die Flexibilität des autonomen Nervensystems. Die Herzfrequenzvariabilität gilt nicht als Krankheitsmarker, sondern als Hinweis darauf, wie flexibel das autonome Nervensystem auf Belastungen reagieren kann. Ein höherer Wert ist mit besserer Erholung, niedrigerem Herzrisiko und längerem Leben verbunden. Dankbarkeitsinterventionen zeigten in mehreren Studien messbare Verbesserungen dieses Markers, was auf eine real veränderte physiologische Stressverarbeitung hindeutet
Dankbarkeit und Schlaf
Ein weiterer gut belegter Zusammenhang besteht zwischen Dankbarkeit und Schlafqualität. Studien bringen Dankbarkeitspraxis mit besserer Schlafqualität, schnellerem Einschlafen und weniger Grübeln in Verbindung. Gerade nächtliches Grübeln gilt als einer der häufigsten Gründe für Ein- und Durchschlafstörungen. Dankbarkeit scheint diesen Gedankenkreislauf bei vielen Menschen zumindest teilweise unterbrechen zu können. Die Erklärung ist naheliegend: Dankbarkeit verschiebt die Aufmerksamkeit von Sorgen und offenen Problemen hin zu positiv bewerteten Erfahrungen. Da Sorgen und Grübeln zu den häufigsten Ursachen für schlechten Schlaf gehören, kann diese Verschiebung der Aufmerksamkeit physiologisch wirksam sein.
Guter Schlaf seinerseits ist einer der wichtigsten Faktoren für biologisches Altern, Immunfunktion und kognitive Gesundheit, wie die DLGeV bereits in mehreren Artikeln beschrieben hat. Dankbarkeit und Schlaf verstärken sich damit gegenseitig.
Was Dankbarkeit nicht ist und wo Vorsicht angebracht ist
Ein wichtiger Aspekt, den die DLGeV offen ansprechen möchte: Dankbarkeit ist keine Universallösung und kein Ersatz für die Behandlung psychischer Erkrankungen. Die Harvard-Studie hat Depressionen als eigenständigen Faktor herausgerechnet, also getrennt betrachtet. Das bedeutet: Dankbarkeit und Depression schließen sich nicht aus, aber Depression braucht professionelle Unterstützung.
Ebenso ist die sogenannte toxische Positivität, also der Druck, immer dankbar und positiv zu sein und schwierige Gefühle zu verdrängen, das Gegenteil von dem, was die Forschung meint. Echte Dankbarkeit erzwingt keine positive Haltung, sondern entsteht durch die ehrliche Wahrnehmung und Wertschätzung von tatsächlich vorhandenen positiven Aspekten des Lebens. Das ist ein Unterschied, der in der populären Darstellung häufig verwischt wird.
Häufige Fragen und was die Forschung antwortet
Warum beschäftigt sich die Deutsche Longevity Gesellschaft überhaupt mit Dankbarkeit?
Gesundes Altern umfasst weit mehr als Ernährung, Bewegung oder Biomarker. Psychisches Wohlbefinden, soziale Verbundenheit und der Umgang mit Stress gehören ebenfalls zu den Faktoren, die unsere Gesundheit über viele Jahre beeinflussen können. Dankbarkeit ist dabei kein "Longevity-Hack", sondern ein möglicher Baustein eines gesundheitsfördernden Lebensstils.
Kann Dankbarkeit wirklich die Gesundheit beeinflussen?
Ja, zumindest deuten zahlreiche Studien darauf hin. Dankbarkeit wird mit besserem psychischem Wohlbefinden, höherer Schlafqualität, geringerem Stresserleben und stärkeren sozialen Beziehungen in Verbindung gebracht. Diese Faktoren gelten wiederum als wichtige Bausteine für gesundes Altern. Einen direkten Beweis, dass Dankbarkeit allein Krankheiten verhindert oder das Leben verlängert, gibt es jedoch nicht.
Kann Dankbarkeit das biologische Alter verlangsamen?
Das ist bislang nicht belegt. Es gibt derzeit keine Studien, die zeigen, dass Dankbarkeit das biologische Alter oder epigenetische Uhren direkt beeinflusst. Denkbar ist jedoch, dass sie über besseren Schlaf, weniger chronischen Stress und gesündere Verhaltensweisen indirekt zu einer längeren Healthspan beitragen kann.
Wirkt Dankbarkeit auch in schwierigen Lebensphasen?
Möglicherweise kann Dankbarkeit auch in schwierigen Lebenssituationen hilfreich sein. Studien mit Menschen nach Herzinfarkten, Krebsdiagnosen und chronischen Erkrankungen zeigen, dass Dankbarkeitspraktiken auch in belastenden Situationen Cortisolwerte senken, Schlaf verbessern und emotionale Belastbarkeit stärken können. Dabei geht es nicht darum, das Schwierige kleinzureden, sondern gleichzeitig mit dem Schwierigen etwas Positives wahrzunehmen.
Ab wann zeigen sich messbare biologische Effekte?
Erste messbare Veränderungen, etwa in der Herzfrequenzvariabilität, zeigen sich in manchen Studien bereits nach wenigen Wochen regelmäßiger Praxis. Veränderungen in Cortisolwerten und Schlafqualität wurden nach drei bis acht Wochen dokumentiert. Anhaltende Veränderungen in der Gehirnaktivität, etwa im medial präfrontalen Kortex, wurden nach drei Monaten konsistenter Praxis beobachtet.
Dankbarkeit als Teil eines Longevity-Lebensstils
Dankbarkeit ist mehr als eine freundliche Haltung gegenüber dem Leben. Die wissenschaftliche Literatur bringt sie mit Veränderungen in Stressregulation, sozialer Verbundenheit und psychischem Wohlbefinden in Verbindung – alles Faktoren, die auch für eine gesunde Healthspan relevant sind.
Die DLGeV versteht Dankbarkeit als einen ergänzenden Baustein der Säule Psychisches Wohlbefinden. Sie ersetzt weder Bewegung, Ernährung noch medizinische Prävention. Sie kann jedoch dazu beitragen, gesunde Routinen zu unterstützen – einfach, kostenfrei und ohne großen Zeitaufwand.
Gerade das Zusammenspiel mit den anderen Longevity-Säulen macht sie interessant: Weniger Grübeln kann den Schlaf verbessern. Ein geringeres Stresserleben wirkt sich positiv auf physiologische Prozesse aus, die auch für gesundes Altern relevant sind. Dankbarkeit stärkt soziale Verbundenheit und kann die Motivation fördern, sich regelmäßig zu bewegen. So entsteht kein einzelner Gesundheitseffekt, sondern ein Netzwerk von Einflüssen, das die Healthspan unterstützen kann.
Wir schreiben hierüber in unserem Blog-Beitrag: Einsamkeit und Gesundheit - Was soziale Isolation biologisch mit uns macht
Redaktioneller Hinweis
Dieser Artikel wurde von der Redaktion der Deutschen Longevity Gesellschaft e.V. auf Basis aktueller wissenschaftlicher Literatur erstellt. Er dient der allgemeinen Information. Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen sollten professionelle Unterstützung suchen. Dankbarkeitspraxis ersetzt keine therapeutische Behandlung.
Quellen und Studien
[1] Chen Y, Okereke OI, Kim ES, Tiemeier H, Kubzansky LD, VanderWeele TJ. Gratitude and Mortality Among Older US Female Nurses. JAMA Psychiatry. 2024;81(10):1030–1038. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2024.1687
[2] Wang X, Song C. The impact of gratitude interventions on patients with cardiovascular disease: A systematic review.Frontiers in Psychology. 2023;14:1243598. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1243598
Boggiss AL, Consedine NS, Brenton-Peters JM, Hofman PL, Serlachius AS. A systematic review of gratitude interventions: Effects on physical health and health behaviors. Journal of Psychosomatic Research. 2020;135:110165. https://doi.org/10.1016/j.jpsychores.2020.110165
Tani Y, Koyama Y, Doi S, Sugihara G, Machida M, Amagasa S, Murayama H, Inoue S, Fujiwara T, Shobugawa Y. Association between gratitude, the brain and cognitive function in older adults: Results from the NEIGE study. Archives of Gerontology and Geriatrics. 2022;100:104645. DOI: 10.1016/j.archger.2022.104645
Algoe SB, Way BM. Evidence for a role of the oxytocin system, indexed by genetic variation in CD38, in the social bonding effects of expressed gratitude. Social Cognitive and Affective Neuroscience. 2014;9(12):1855–1861. https://doi.org/10.1093/scan/nst182