Schlaf und Longevity: Ergebnisse einer großen US-Langzeitstudie

  • 5. August 2024
  • Verfasst von: Deutsche Longevity Gesellschaft e.V.
  • Schlaf

Guter Schlaf, längeres Leben?

Schlaf gilt gern als Restzeit des Tages. Was nach Arbeit, Streaming, sozialen Medien und sonstigen Verpflichtungen übrig bleibt, muss reichen. Eine große US-amerikanische Langzeitstudie legt nahe, dass diese Rechnung zu kurz greift: Fünf günstige Schlafmerkmale waren mit einer geringeren Sterblichkeit und einer höheren rechnerischen Lebenserwartung verbunden.

Vor allem eine Zahl machte Schlagzeilen: Bei Männern errechneten die Forschenden einen Unterschied von bis zu 4,7 Lebensjahren. Bei Frauen waren es 2,4 Jahre.

Was davon trägt – und was Statistik bleibt.

Langzeit-Studie mit über 170.000 Menschen

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Beth Israel Deaconess Medical Center und der Harvard Medical School wertete die Daten von 172.321 Erwachsenen aus den USA aus. Die Teilnehmenden hatten zwischen 2013 und 2018 an einer nationalen Gesundheitsbefragung teilgenommen.

Die Angaben wurden anschließend mit dem nationalen Sterberegister verknüpft. Dadurch ließ sich untersuchen, ob bestimmte Schlafgewohnheiten mit dem späteren Sterberisiko zusammenhingen.

Berücksichtigt wurden dabei auch Faktoren wie Alter, soziale und wirtschaftliche Situation, Rauchen, Alkoholkonsum und bestehende Erkrankungen.

Die Studie untersuchte also nicht, ob eine gezielte Verbesserung des Schlafs das Leben verlängert. Sie verglich Menschen mit unterschiedlichen Schlafmustern und beobachtete, wie häufig sie im weiteren Verlauf starben.

Diese fünf Schlafmerkmale wurden untersucht

Die Forschenden bewerteten fünf Merkmale, die gemeinsam ein günstiges Schlafmuster ergeben sollten:

  1. Sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht
  2. Einschlafprobleme höchstens zweimal pro Woche
  3. Durchschlafprobleme höchstens zweimal pro Woche
  4. Keine regelmäßige Einnahme von Schlafmitteln
  5. An mindestens fünf Tagen pro Woche erholt aufwachen



Für jedes erfüllte Merkmal wurde ein Punkt vergeben. Wer alle fünf Kriterien erfüllte, erreichte die höchste Bewertung.

Bemerkenswert ist, dass die Studie Schlaf nicht allein über seine Dauer definierte. Sie bezog auch Ein- und Durchschlafprobleme, das Erholungsgefühl am Morgen und die Einnahme von Schlafmitteln ein.

Eine lange Nacht ist schließlich nicht automatisch eine gute Nacht.

Günstiger Schlaf, geringere Sterblichkeit

Teilnehmende mit allen fünf günstigen Schlafmerkmalen hatten im Vergleich zu Menschen mit keinem oder nur einem dieser Merkmale ein um rund 30 Prozent geringeres Risiko, während des Beobachtungszeitraums zu sterben.

Auch bei Todesfällen infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zeigten sich niedrigere Risiken.

Die Ergebnisse sprechen dafür, Schlafqualität nicht als einzelnes Merkmal zu betrachten. Entscheidend könnte vielmehr das Zusammenspiel mehrerer Faktoren sein: ausreichende Dauer, möglichst wenige Störungen und das Gefühl, am Morgen tatsächlich erholt zu sein.

4,7 Jahre für Männer, 2,4 Jahre für Frauen

Besondere Aufmerksamkeit erhielten die Berechnungen zur Lebenserwartung.

Für einen 30-jährigen Mann mit allen fünf günstigen Schlafmerkmalen ergab das statistische Modell eine um 4,7 Jahre höhere Lebenserwartung als für einen gleichaltrigen Mann mit keinem oder nur einem Merkmal. Bei Frauen betrug der errechnete Unterschied 2,4 Jahre.

Diese Werte sind keine persönliche Gutschrift auf dem Lebenszeitkonto. Niemand erhält für eine Woche vorbildlichen Schlaf automatisch 4,7 zusätzliche Jahre.

Es handelt sich um statistische Unterschiede zwischen Gruppen. Sie zeigen, dass günstige Schlafmuster mit einer höheren Lebenserwartung verbunden waren. Sie beweisen nicht, dass der Schlaf allein den Unterschied verursacht hat.

Warum der Zusammenhang bei Männern stärker ausfiel als bei Frauen, blieb offen. Biologische Unterschiede könnten ebenso eine Rolle spielen wie soziale Faktoren, unerkannte Erkrankungen oder Besonderheiten der Datenerhebung.

Schlafqualität ist mehr als Schlafdauer

Studienautor Dr. Frank Qian verwies darauf, dass Menschen mit mehreren günstigen Schlafmerkmalen mit größerer Wahrscheinlichkeit länger lebten.

Die Untersuchung unterstreicht damit einen Punkt, der in der öffentlichen Diskussion häufig verloren geht: Schlaf lässt sich nicht allein in Stunden messen.

Wer acht Stunden im Bett verbringt, aber lange wach liegt, häufig aufwacht oder sich morgens dauerhaft erschöpft fühlt, schläft nicht automatisch erholsam. Umgekehrt muss eine einzelne schlechte Nacht noch nicht zum Gesundheitsrisiko erklärt werden.

Entscheidend ist das längerfristige Muster:

  • Ist die Schlafdauer meistens ausreichend?
  • Gelingt das Ein- und Durchschlafen in der Regel?
  • Fühlt man sich morgens überwiegend erholt?
  • Sind Schlafprobleme gelegentlich – oder längst Teil des Alltags?

    Schlaf ist damit weniger eine nächtliche Disziplin als ein möglicher Hinweis auf den allgemeinen Gesundheitszustand.

Was die Studie nicht beweist

So eingängig die Ergebnisse sind: Die Untersuchung hat Grenzen.

Die Schlafmerkmale beruhten auf den Angaben der Teilnehmenden. Schlafdauer und Schlafqualität wurden nicht im Schlaflabor oder durch objektive Messverfahren überprüft. Auch zur Art, Dosierung und Dauer der eingenommenen Schlafmittel lagen keine detaillierten Informationen vor.

Hinzu kommt: Menschen, die gut schlafen, leben möglicherweise auch in anderen Bereichen gesundheitsbewusster. Sie bewegen sich mehr, ernähren sich anders, rauchen seltener oder verfügen über günstigere soziale und wirtschaftliche Bedingungen.

Solche Faktoren lassen sich statistisch berücksichtigen, aber nie vollständig ausschließen.

Auch die umgekehrte Richtung ist möglich: Erkrankungen können den Schlaf verschlechtern. Schlechter Schlaf wäre dann nicht nur Ursache eines gesundheitlichen Problems, sondern möglicherweise dessen Folge oder frühes Anzeichen.

Die Studie zeigt deshalb einen Zusammenhang – keinen abschließenden Beweis für Ursache und Wirkung.

Was lässt sich daraus ableiten?

Die fünf untersuchten Schlafmerkmale eignen sich trotz dieser Einschränkungen als einfacher Orientierungsrahmen.

Sie erinnern daran, dass guter Schlaf nicht nur bedeutet, möglichst lange im Bett zu liegen. Ebenso wichtig sind Regelmäßigkeit, möglichst wenige anhaltende Ein- und Durchschlafprobleme sowie das Gefühl, am Morgen erholt zu sein.

Wer dauerhaft schlecht schläft, tagsüber stark müde ist, regelmäßig laut schnarcht oder Atempausen bemerkt, sollte die Ursachen medizinisch abklären lassen. Maßnahmen zur Schlafhygiene können unterstützen, ersetzen bei einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung aber keine fachliche Diagnostik.

Kernaussage

Fünf günstige Schlafmerkmale waren in einer großen US-amerikanischen Langzeitstudie mit einer geringeren Sterblichkeit und einer höheren rechnerischen Lebenserwartung verbunden. Das ist keine Garantie auf zusätzliche Lebensjahre. Aber ein guter Grund, Schlaf nicht länger als Resteverwertung des Tages zu behandeln.


Quellen: 
Li H, Qian F, Han L et al. (2024): Association of healthy sleep patterns with risk of mortality and life expectancy at age of 30 years: a population-based cohort study. QJM: An International Journal of Medicine, 117(3), 177–186. DOI: 10.1093/qjmed/hcad237.

American College of Cardiology: Getting Good Sleep Could Add Years to Your Life, aufgerufen am 24. Februar 2023.

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